Randgebiete der Aufmerksamkeit

Karl Schwamberger und sein neu formiertes Luci Trio durchstreifen auf dem Album „Rote Spritzer“ Wiens Flächenbezirke – und inszenieren auf der Basis von Wienerlied und Lo-fi-Pop, provokant und sentimental, irrwitzige Alltagsszenen.

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28. April 2026

Luci Trio: Rote Spritzer (Gehdanke / Hoanzl)

Das Wienerlied ist – zumal in all seinen kreativen Neuausrichtungen – aus seinem einstigen wein- & herzerl(aller)seligen Reservat, das sich im Nordwesten der Stadt, in den Regionen Grinzing & Sievering vorwiegend befand (wohin es allenfalls – wie etwa bei Ernst Molden – nur noch in die „Hammerschmidgossn“ im 19. Bezirk retrospektiv zurück- & einkehrt) längst weggezogen und hat sich über das gesamte Stadtgebiet polyphon ausgebreitet. Es durchstreift in seinen semihistorischen und aktuellen Spielarten heute nahezu alle Gegenden & sozialen Milieus.

In die Lugnercity oder die Rennbahnsiedlung verirrt es sich aber auch bei Formationen, die dem nicht nur geografisch Abseitigen gerne frönen, wie etwa die Strottern (alles Gute zum 30. Geburtstag, der dieser Tage konzertant begangen wird!), das Kollegium Kalksburg oder Voodoo Jürgens, nur selten. Dafür ist es das angestammte Habitat des Karl Schwamberger. Der von musikalischen Projekten wie der Laokoongruppe oder Brosd Koal bekannte Poet, Sänger und Klarinettist legt die Schauplätze seiner vorwiegend Wiener Lieder (die mitunter auch ins Umland ausschweifen) gerne in diese Randgebiete der Aufmerksamkeit. Dort leben zwar massenhaft Menschen, aber sie werden – zumindest künstlerisch – kaum wahrgenommen. Nicht so bei Schwamberger, der sich den sogenannten Flächenbezirken und den Bewohnern spezieller Brennpunkte in einer soziologisch so treffenden wie poetisch liebevoll-sarkastischen Weise annimmt, wie sonst niemand in dem auswuchernden Genre.

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Da treffen sich zwischen Hornbach, Interspar und Fressnapffiliale Karin, Karim, Carmen und Deniz, der Bub vom Halalfleischhändler, die sich gemeinsam mit all den anderen „Bitches und Brüdern“ durchs Leben schlagen (mitunter buchstäblich). Sie sinnieren an der – ausgerechnet – Ecke Falcogasse/ Dradiwaberlgasse im 22. Hieb über ein Heimatlied für den Rennbahnweg, und sie stoßen mit Ayran und roten Spritzern auf eine kommende Hochzeit an. Und im Billa Plus gibt’s – in einer verwegenen, zeitlich weit ausholenden Erzählung (ohne Happy End) – die Liebesgeschichte von Opa Joe und Oma Dragica, vor dem Erinyenchor der Supermarktkassiererinnen tragikomisch aufgeführt und hingebungsvoll besungen.

Bissig gewitzte Operetten

Das sind nur einige der Songthemen, bzw. Liedinhalte, die Schwamberger mit seiner neuen Formation, dem Luci Trio (zu dem noch Gitarrist Bernd Satzinger und Bassist Gregor Aufmesser gehören), in einer musikalischen Mixtur vertont, wie man sie besser und treffender nicht beschreiben kann wie Karl Schwamberger himself: „… lauter kleine Operetten, provokant und sentimental, melancholisch und bissig gewitzt zugleich, inszeniert auf der Basis von Wienerlied und Lo-fi-Pop, ein bisserl Blues, Alt-Folk, Elektronikgebratzel und sogar, ui, ui, ui, ein paar Spritzern Jazz, mit Slacker-Attitude hingerotzt und mit Liebe noch zum kleinsten Detail arrangiert“.

Das Luci Trio bei der Flüssignahrungsaufnahme, wobei sich hier nur Karl Schwamberger (M.) an den titelgebenden roten Spritzer hält, während Bernd Satzinger (l.) und Gregor Aufmesser andere Getränke präferieren… © Tobias Faulhammer

All das findet sich genau so auf „Rote Spritzer“, dem ersten Album des neu formierten Trios, das – in musikalisch erweiterter Form, mit mehr Klangdetails – ziemlich genau das fortsetzt, was das Duo Musser & Schwamberger 2018, auf einem titellosen Album, begonnen hat, und das – wie Kollege Andreas Rauschal in der „Wiener Zeitung“ weiland beschrieben hat – „mit poetischen Augen auf ein nicht vordergründig romantisches Soziotop mit Gemma Lugner im Zentrum blickt. Zarte Zupfgitarren und Schwambergers raunzert-zärtelnder Gesang dominieren den melancholischen Sound“. Und gegen Ende der damaligen elf Songs „fährt das Duo dann auch noch himmelwärts und checkt im metaphysischen Beisl ein, in dem Thomas Bernhard den Kellner gibt, Paul Celan und Ingeborg Bachmann schmusen und Ernst Jandl poetryslammt…“

Paul Celan ist auf den zwölf Stücken der Luci-Platte als einziger Dichter wieder mit dabei, und zwar als Textbeiträger zu dem Lied „Drüben“, während alle anderen realitätsverdichtenden, symbolträchtigen und anschaulichkeitsfördernden Texte von Schwamberger selbst stammen, der sich in dieser kunstbeflissenen Manier durchaus mit geistesverwandten Poeten wie Andreas Okopenko oder Peter Ahorner (der die Strottern mit Songtexten versorgt) messen (lassen) kann. Mitunter gleicht Schwamberger in seiner detaillierten Liebe zum Randständigen sogar Peter Handke (halt mit ein bissl mehr Witz), oder er greift in einer Memento-Mori-Szenerie, im Lied „Schnee (Ain’t over till the fat ladies sing)“, gar auf die Tradition eines Abraham a Santa Clara zurück, und lässt darin neben Schneeräumern der MA48 auch noch die Hausmeisterin Božena prominent auftreten.

Großer Hallraum, kleine Nische

An Bezugsgrößen mangelt es diesem Unternehmen, das – so boden(satz)nah es in Wiener Realitäten verortet ist – doch gerne nach allerlei Bildungssternen greift, keineswegs. In allerlei herbeigezauberten Zusammenhängen wird, zwischen Rudolfsheimer und Kagraner Soziotopen, mit Lacan, Billie Holiday, Beyoncé, Helene Fischer oder Yung Hurn geflirtet und jongliert. Und aus dem Rock/Jazz-Universum werden u.a. auch noch Vic Chesnutt, Sparklehorse, Tom Waits, Charles Mingus oder Marc Ribot als musikalische Stichwortgeber herbeizitiert und aufgeboten, was alles nicht unzutreffend ist, den Echo- & Hallraum aber vielleicht doch ein wenig überspannt.

Mit den Händen in den Hosentaschen wie einst „Spritzerkönig“ Michi Häupl: Karl Schwamberger & das Luci Trio beim Auftritt im Original Praterkasperl in Wien. © Schmickl

Denn das Luci Trio – das konnte man kürzlich auch bei der Album-Präsentation im Original Kasperltheater im Wiener Prater erleben (ein höchst stimmiger Ort, genauso wie die Likörstube Sveceny, wo die Videos aufgenommen wurden) – ist ein Ensemble, das nach überschaubarer Intimität verlangt und am besten in Nischen gedeiht (über die man – auch was potentielles Publikumsinteresse betrifft – vermutlich nicht so rasch hinauskommen wird). Karl Schwamberger ist, so geschickt er in der sprachlichen Selbstdarstellung ist (sodass man ihn am liebsten andauernd zitieren möchte), ein – vorsichtig gesagt – nicht gerade übertalentierter Performer. Man sieht, hört und spürt, dass ihm Auftritte Überwindung kosten (und er seine perlenden Kleinode wohl lieber auf anderem Wege, quasi aus dem medialen Hinterhalt, verteilen würde).

Mit den Händen im Hosensack, wie einst „Spritzerkönig“ Michael Häupl (der ja perfekt zum Albumtitel passt), oder die jeweils nur kurz, dafür ausdrucksstark angeblasene Klarinette im Griff, wandert & streunt Schwamberger – und mit ihm sein „raunzert-zärtelnder“ Gesang – unstet hin & her. Aber gerade weil ihm derlei schwerfällt, ist sein Vortrag (wie seine Stimme) umso eindringlicher. Das solide, mitunter virtuose Spiel seiner Saiten-Partner Aufmesser und Satzinger gibt Schwamberger sowieso den nötigen Rückhalt.

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Schade nur, dass es der Song „Du hast die Haare schön“, dem ein kleines Hit-Potential innewohnt, nicht auf die Platte geschafft hat – und vorläufig nur als Live-Zugabe kredenzt wird.
Apropos: Weitere Live-Termine stehen vorläufig noch nicht fest, werden aber in Bälde bekannt gegeben – unter: https://lakoongruppe.com/lucitrio/

Luci Trio: Rote Spritzer (Gehdanke / Hoanzl)

Da treffen sich zwischen Hornbach, Interspar und Fressnapffiliale Karin, Karim, Carmen und Deniz, der Bub vom Halalfleischhändler, die sich gemeinsam mit all den anderen „Bitches und Brüdern“ durchs Leben schlagen.