Neustart

Der Stubnblues will es nach dem Tod seines Frontmanns Willi Resetarits noch einmal wissen. Stubnblues 2.0 heißt nunmehr das Projekt, dessen Wegrichtung und Ziele Sänger/Gitarrist Stefan Schubert und Schlagzeuger Camillo Jenny im Gespräch ausführlich erklären.

Von
18. April 2026

Stubnblues 2.0: Wesenheiten (Nu a Sattele Records)

Es war so ein Fall, dass sogenannte widrige Umstände etwas Großes ankickten. Buchstäblich im Jahre Schnee (kalendarisch 2004) stak Willi Resetarits, bekannt als Ostbahn-Kurti bzw. Prof. Kurt Ostbahn bzw. Dr. Kurt Ostbahn, eingeschneit mit Freunden auf einer Berghütte bei Bad Gastein fest. Die Situation überbrückte man mit gemeinsamem Musizieren. Als das Wetter es erlaubte, wanderte man zur nächsten Hütte und spielte auch dort auf.

Aus dem Ganzen wurde ein regelmäßiges Projekt und dieses bekam den heimeligen Namen Stubnblues.

Wie besagter Name nahelegt, wurzelte die ursprünglich ohne elektrische Verstärkung gespielte Musik im Blues und anverwandten Stilen wie Rhythm And Blues und Soul; das Repertoire wurde anfangs ausschließlich mit Songs aus fremder Feder u.a. von Van Morrison, Willy DeVille und Lou Rawls, einschlägigen Traditionals und auch mit volksmusikalischen Weisen hiesiger Herkunft, Wienerliedern etwa oder auch burgenländisch-kroatischen Volksliedern, bestritten.

For privacy reasons YouTube needs your permission to be loaded. For more details, please see our Datenschutzerklärung.

Im Laufe der folgenden Jahre flocht die vielköpfige Combo, die sich rasch einen guten Ruf als Live-Band erspielte, zunehmend eigene, im Dialekt gehaltene und schon damals überwiegend aus der Feder des Sängers und Gitarristen Stefan Schubert stammende Songs ein und vertonte regelmäßig Gedichte von H.C. Artmann.

Gibt es ein Leben nach Willi Resetarits?

Mit Resetarits´unerwartetem Tod im April 2022 stellte sich für Stubnblues die Grundsatzfrage: Aufhören oder Weitermachen?
Es gab zunächst viele Diskussionen – nicht nur innerhalb der Band, sondern auch mit Willis Witwe Roswitha. Ich sagte, das muss man weiterführen, denn Willi hätte nicht gewollt, dass die Musik aufhört“, sagt Stefan Schubert dazu im Interview mit extra-music.

Mit der übrigens für einen Amadeus nominierten LP „Wo da Rauch hiziagt…“ war es amtlich, dass die Geschichte der Band weitergehen würde.
Dass der Wiedergänger unter dem behutsam adaptierten Namen Stubnblues 2.0 agiert, verdeutlicht, dass die Formation sich einerseits zu ihrer Vergangenheit bekennt, aber auch die Freiheit, neue Wege zu gehen, einfordert.
Mit dem dieser Tage erschienenem Album „Wesenheiten“ untermauern Stubnblues 2.0, dass sie sich auf eine längerfristige Existenz eingerichtet haben.

For privacy reasons YouTube needs your permission to be loaded. For more details, please see our Datenschutzerklärung.

Die Musik wirkt gegenüber früher gestrafft und heute sogar puristischer im Sinne des Wortteils „-blues“ im Bandnamen: Bisweilen mit Funk- und Soul-Einschlag, aber immer in der sorgenvoll-gedämpften Tonalität, wie sie für den Blues charakteristisch ist.

Ob das Publikum, bei dem der originale Stubnblues durch Resetarits eine unbezahlbare Starthilfe hatte, bei der Reinkarnation mitgeht, bleibt immer noch abzuwarten.
Wir müssen uns zurückrunden“, weiß Schubert. „Zeigen, dass, was wir jetzt machen, auch gut ist, auch etwas kann. “

Für jeden eine Herzensangelegenheit

Stubnblues 2.0. ist als Ensemble sechs Köpfe hoch und, was die Herkunft der Akteure* betrifft, immer noch großteils um den Raum Salzburg/Niederbayern zentriert.
Neben Schubert erheben die Schauspielerin und in mehreren losen regionalen Ensembles musikalisch aktive Bina Blumencron (öfter) und der soundprägende bayerische Mundharmonika-Artist Hubert Hofherr (einmal) die Stimme; Camillo Jenny, der auf „Wesenheiten“ mit Schubert als Produzent, als Song-Autor für ein Stück allein und für zwei weitere als Co-Komponist verantwortlich zeichnet, trommelt; Markus Marageter bedient die Tasten und Marlene Lacherstorfer, eine der prominentesten Kräfte der österreichischen Indie-Szene, spielt den Bass.

Sechs Akteure, deren größerer Teil sprichwörtlich auf mehreren Hochzeiten tanzt, zu koordinieren, für Tourneen, Plattenaufnahmen und PR-Aktivitäten zusammenzutrommeln, kann keine ganz einfache Angelegenheit sein.
Es ist tatsächlich nicht einfach“, bestätigt Schubert, „aber es funktioniert, weil Stubnblues 2.0 jedem eine Herzensangelegenheit ist.“

Stubnblues 2.0: Camillo Jenny, Hubert Hofherr, Bina Blumencron, Marlene Lacherstorfer, Stefan Schubert, Markus Marageter (© Wolfgang Lienbacher)

Zumindest bei Marlene Lacherstorfer, die u.a. Mitglied bei Pressyes, Ernst Moldens Frauenorchester, der Band des Rappers Clueso und, nicht zu vergessen, Mutter eines Kleinkinds ist, stellt sich allerdings die Frage nach zeitlicher Verfügbarkeit zum gebotenen Zeitpunkt.

Es ist nicht oft, dass sie nicht kann“, sagt Schubert, „aber wenn ein Clueso-Konzert in München in der Olympiahalle ansteht…
“… stellen wir uns hinten an“, ergänzt Camillo Jenny mit leiser Ironie. „Da haben wir Klaus Kircher, den Edeljoker, der schon früher bei Stubnblues dabei war, dem Projekt immer noch recht nahesteht und immer übernehmen kann.“
Klingt fast zu edel, um wahr zu sein (oder zumindest vorbehaltlos geglaubt werden zu können).

Es ist“, erläutert Schubert mit Anlauf, weil zunächst etwas zögerlich, „so: Nach den Diskussionen, ob die Band nach dem Tod von Willi Resetarits weitergeführt werden darf, wollte Klaus, um Auseinandersetzungen zu vermeiden, lieber nicht spielen. Deswegen ist Marlene eingestiegen. Da sah Klaus, es geht doch, ohne dass es ein Blutbad gibt, und hat sich zur Verfügung gestellt, wenn sie nicht kann. Jetzt haben wir am Bass fast eine Doppelbesetzung und der Ausdruck Double Bass bekommt eine neue Bedeutung.

Keine Restlverwertung

Immerhin ist „Wesenheiten“ bereits die zweite Stubnblues 2.0-Platte in zwei Jahren. Und es ist nicht etwa so, dass hier Reste verwertet wurden.
Bei drei Songs weisen zwar Vektoren in die Vergangenheit mit Resetarits, gleichwohl ist ihre Interpretation dem heutigen Standard der Band angepasst.

For privacy reasons YouTube needs your permission to be loaded. For more details, please see our Datenschutzerklärung.

Die Antn 2 Punkt 0“, durch Frank Zappas Stück „Don´t Eat the Yellow Snow“ inspiriert, vermischt in fast begräbnismusikalischer Getragenheit Impressionen aus Spanien mit bedrückten Erinnerungen an eine vergangene Beziehung und erweist mit der Zeile „Ganz gööb is da Schnee drobn von di Haski** vom Zappa“ dem Zappa´schen Hundeurin-im Schnee-Motiv Reverenz.

Zwei Erbstücke von Resetarits – beides Beziehungsdramen – sind in die stimmliche Hoheit von Bina Blumencron übergegangen und fahren damit hervorragend.
Wegen dera Gschicht“, die seinerzeit von Resetarits recht rau dargebotene Aufarbeitung eines (erlittenen) Seitensprungs, lässt in Blumencorns nüchtern-beherrschter Deutung eine resignative Einsicht in die Fehlbarkeit des Menschen heraushören.
Das flehentliche „Kumm zruck“, dessen Text ursprünglich von der 2024 verstorbenen amerikanischen Sängerin/Songwriterin Libby Titus stammt und von Resetarits in den Dialekt übertragen wurde, wird bei Blumencorn zur ergreifenden Rhapsodie.
Bina ist ein echter Gewinn für uns“, schwärmt Schubert. „Man konnte nach Willi Resetarits keinen älteren Herrn nehmen – der hätte keine Chance. “
Bina ist so herrlich unprätentiös! Keine Diva!“, ergänzt Jenny.

Andere Stücke überantworten den Blues inhaltlichen Variationen und Lockerungsexerzitien.
Es is Zeit“, ursprünglich eine Fingerübung mit süffigem Lick und agitierter Mundharmonika, ist eine Art politischer Wutanfall, der – freilich „desinfiziert“ durch absurde Kombinationen – Vieles und Viele beim Namen nennt: Trump, Zuckerberg, Musk, Mateschitz, BMW, aber auch die „von da katholischen Kiach Missbrauchtn“, „die seelisch Vastauchtn“, „olle, die fliagn mitn Autopiloten“ und zahlreiche andere Seltsamkeiten.

For privacy reasons YouTube needs your permission to be loaded. For more details, please see our Datenschutzerklärung.

Der obligatorische Artmann-Text ist „Waun i schdeam soit“, in dem sich der Dichter gegen eine Bestattung auf dem Zentralfriedhof verwahrt, während am Ende der LP das lustige „Aane zfueh“ aus der Feder Hubert Hofherrs steht.
Das Lied von einem, der – allerdings als einziger – glaubt, dass er zu viele Frauen hat!“ lacht Schubert.

Fehlerkultur

Wenn man – notgedrungen – versucht, die Marktchancen für Stubnblues 2.0 abzuwägen, kommt man nicht umhin, diese Musik, die so alt ist wie die Ewigkeit, modernen Stilen, Produktionstechniken, und jungen Menschen, die diese angeblich ansprechen sollen, gegenüberzustellen.

Interessanterweise findet die vorgefasste These, die Musik von Stubnblues 2.0. könne nur ältere Menschen erreichen, keine Bestätigung in den Konzerterfahrungen der Musiker.
Ich bin oft überrascht, wie viel Junge kommen, um sich live gespielte Musik – Chorstimmen, Piano, Orgel, Mundharmonika – anzuschauen“, berichtet Jenny.
Ich dachte zuerst, die Jungen sind die Enkel von unserem Publikum, die die Alten abholen“, witzelt Schubert, der gerade im Kontrast mit heutiger musikalischer Konfektionsware einen potentiellen Reiz für dieses unvermutete Anhänger-Potential wittert:
Es kann sogar sein, dass es die Jungen grad deswegen, gerade wegen einer gewissen Fehlerkultur im KI-Zeitalter, wo eigentlich ein Fehler nicht mehr vorkommen muss, anspricht.
Früher mit Willi gab es viele Fehler. Weil der keine Texte lernen wollte, sich vertan hat, abgebrochen hat. Egal – hat man ihm alles verziehen, weil er es charmant verkauft hat. Danach haben Leute sogar gesagt, ,das habt ihr einstudiert, gell?‘“

For privacy reasons YouTube needs your permission to be loaded. For more details, please see our Datenschutzerklärung.

* Weibliche Form mitgemeint
** Huskies

Stubnblues 2.0: Wesenheiten (Nu a Sattele Records)

Die Musik wirkt gegenüber früher gestrafft und heute sogar puristischer im Sinne des Wortteils „-blues“ im Bandnamen.