Luft zum Atmen
Zwischen gewohnter Düsternis, Schroffheit und und eher ungewohnter Zugänglichkeit bewegt sich sowohl musikalisch wie auch inhaltlich „Smogstar", das überzeugende vierte Album des Wiener Quartetts Culk.

Culk: Smogstar (Siluh Records)
Es gibt eine Art Rockmusik, die niemals Rechenschaft ablegen muss über ihre „zeitgemäße Relevanz“.
Damit ist natürlich nicht die Rockmusik gemeint, die mit „ehrlichem Schweiß“ und trägen Boogie-Riffs gegen „Maschinen-Musik“ und allsowas zu Felde zieht. Sondern eine Rockmusik der starken Bilder, Inhalte und Spannung. Eine – meist eher ungemütlich aufgeladene – Musik also, die über sich selbst hinausweist.
Was sie dazu braucht, sind intelligente Strukturen und Dramaturgien, sprich: eine intensive Beziehung der einzelnen Teile zueinander. So wie das die grandiose deutsche Band Kante in ihrem Song „Die Summe der einzelnen Teile“ programmatisch ausschildert: „Wir sind unterwegs / Unterwegs zur Musik / Bis an die Grenzen / Unserer Physik / Wir bringen sie zum Klingen / Sie bringt uns durcheinander / Wir verstehn sie so wenig / Wie wir uns untereinander / Denn in manchen Momenten / Ist sie für eine Weile / Mehr als die Summe der einzelnen Teile“.
David Bowie wusste mit diesen Prämissen (fast) immer interessant umzugehen, auf eine spezifischere und meist auch radikalere Weise taten das Bands wie Television oder Sonic Youth und natürlich die Ahnherrn dieser Musik, Velvet Underground, die mit dem Album „White Light/White Heat“ gewissermaßen deren Prototyp schufen.
So wie die Obengenannten wird kaum jemand von zurechnungsfähiger Geistesverfassung Culk in Frage stellen, nur weil sie auf das traditionelle Rock-Line-up Gitarren-Bass-Schlagzeug plus Keyboards zurückgreifen. Nicht allein hierzulande, sondern mindestens ebenso stark in Deutschland zeugen die Reaktionen bei der Kritik und in Konzert-Venues von teils beachtlicher Größe von der enormen emotionalen Wirkmächtigkeit des Wiener Quartetts.
Entfremdung & die Marginalisierung der Frauen
Gewiss bestätigt der zwischen Shoegaze-Schwere/-Betäubtheit und der Manövrierfähigkeit von Post-Punk angesiedelte Nachtschatten-Sound von Culk eine Tendenz, die leicht zum Klischee gerinnen kann: Die wesenhafte Stärke der Rockmusik liegt eindeutig im destruktiven Bereich. Im Ausdruck von Krisen, Depression, Orientierungslosigkeit.

So viel Sonnenlicht ist ungewohnt: Culk (© Sophie Löw)
Entfremdung, das Zurechtkommenmüssen mit und in einer als feindlich begriffenen/erlebten Umwelt, die daraus resultierende Angst vor Beziehungen und Verbindungen, die sich als fatal erweisen könnten – und es, wenn denn eingegangen, auch tatsächlich tun -, das sind prominente Themen der Rockmusik, und das sind auch prominente Themen bei Culk, wie ihre bislang erschienenen Alben vom unbetitelten Debüt von 2019 über „Zerstreuen über Euch“ (2020) bis zu „Generation Maximum“ (2023) nachdrücklich belegen.
Doch kommt bei Culk – und stärker noch bei den kammermusikalisch angelegten zwei Solo-Alben, die ihre Sängerin Sophie Löw als Sophie Blenda veröffentlicht hat – noch ein spezifischer, durchaus ins Gesellschaftspolitische hineinreichender Aspekt dazu: Ein ungesundes Machtgefälle im Verhältnis der Geschlechter, das im übrigen nicht nur über private Verhältnisse und Beziehungen, sondern auch über eine Geschichtsschreibung vermittelt wird, die dazu tendiert, Frauen auszuklammern bzw. zu marginalisieren.
Aufgeweckter
Sophie Löw ist unbestreitbar der Mittelpunkt bei Culk. Unzählige Meataphern sind schon bemüht worden, um ihre Stimme zu beschreiben, viele davon haben mit Grant und zu wenig oder womöglich auch zu viel Schlaf zu tun; für unseren geschätzten früheren „Wiener Zeitung“-Kollegen Andreas Rauschal klingt sie nach „der einen Valium-Tablette zu viel“.
Bei „Smogstar“, dem neuen und vierten Culk-Album zeigt sich Sophie Löws Gesang verändert, buchstäblich aufgeweckter: Da ist es allenfalls noch eine halbe Valium-Tablette zu viel.
Erstmals nämlich zeigen Löw und Culk leise Tendenzen, sich der Welt zu öffnen. Mit dem Opener „Kaputte Speaker“ findet sich sogar eine Art Liebeslied, in dem Löw zu bemerkenswert entspannten Akkorden und einer hübschen Melodie romantische Sehnsucht verströmt, die auch nicht verschwindet, als sich die Stimme in die Länge zieht und heftige Gitarren-Donner anrollen.

Nicht nur Mercedes trägt einen Stern: Sophie Löw (© Sophie Löw)
Nicht dass sich Culk nun als zugängliche oder gar optimistische Band präsentierten. Allein Produzentin Sophie Lindinger, Kopf der Formationen Leyya und My Ugly Clementine, steht nachgerade phänotypisch für die Unmöglichkeit einer solch krassen Umpolung. Und so bricht sich denn in vertraut anmutenden Textzeilen wie „Ich weiß, du hast Fragen / Doch ich weiß nur wer ich nicht bin“ noch immer mühelos die alte Schwermut Bahn.
Es sollen nun allerdings nicht die Texte einzeln durchdekliniert werden. Sondern eher auf ein paar erkennbare inhaltliche Eckpfeiler geschaut werden.
Urbanität und Naturphänomene
„Smogstar“ ist einerseits ein sehr urbanes Album mit sehr urbanen Bildern – Straßen, Asphalt, Kräne, Hochhäuser – und hat viel mit den Herausforderungen und Verlockungen zu tun, mit denen eine (vermutlich große) Stadt ihre Bewohner und Neuankömmlinge konfrontiert.
Auf der anderen Seite kommen darin auffällig viele Naturphänomene, insbesondere Wetterkapriolen vor: Sonne, Nebel, Donner, Regen, Hitze/Kälte. Und viel Wind, zu allen möglichen Jahreszeiten, aus allen möglichen Richtungen.
Und es sind diese Phänomene, die der Platte eine Atmosphäre permanenter Bewegung, eines ständigen Fließens geben. Sie mögen einerseits ungemütlich, hin und wieder auch bedrohlich sein, gewähren aber auch Veränderung und möglicherweise auch Freiheit und Luft zum Atmen.
Die Musik korrespondiert mit diesen Ambivalenzen: In den Gitarren, bedient von Johannes Blindhofer und nicht selten auch von Löw selbst, spiegeln sich die Zustände und Stimmungen, ob schroff-abweisend, Atem holend, bedrohlich, angespannt, lärmig/ausrastend/rasend oder gar aufgekratzt. Dass diese Exkurse – Klangmalerei im wahrsten Wortsinn – auf eine starke Rhythmusbasis angewiesen sind und sie im Schlagzeug Christoph Kuhns und Jakob Herbers Bass auch finden, versteht sich.
Release-Show
1.10. Wien, Flex
Weitere Auftritte
03.10. Innsbruck, Positive Future Festival
16.10. Salzburg, Arge

Culk: Smogstar (Siluh Records)
In die urbanen Szenarien mischen sich auffällig viele Naturphänomene. Sie verleihen der Platte eine Atmosphäre permanenter Bewegung.



