Schlussworte von Boy Kevineen

Auf „Love“, dem vermeintlich letzten Album der Dexys Midnight Runners, erzählt Kevin Rowland von seinem (Liebes-)Leben und vermählt Cockney & Tremolo zu strahlenden Chorälen.

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6. September 2026

Dexys Midnight Runners: Love (Heavenly Rec.)

Es gibt gewisse Dinge, die ein Sänger nicht tun sollte. Knödeln zum Beispiel, also die Worte verschlucken, sodass sie kaum verständlich sind, weiters die Stimmbänder überdehnen, sie mit übermäßigem Tremolo traktieren, also mal tief grunzen – und dann wieder in glockenhelles Jubilieren verfallen, was an eine Jodel-Parodie grenzt. Kevin Rowland macht das alles – und es ist großartig. Der kürzlich 73 Jahre alt gewordene Sänger der Dexys Midnight Runners, outriert, dass es eine Art ist – und das kann man wörtlich nehmen: Es ist eine Art, also eine Kunst, wie er stimmlich performt.

Gleich im ersten Song des neuen DMR-Albums „Love“, „My Life in England Pt. 1“, wird all das – wie in einem vokalen Brennglas – mehr als deutlich vorgeführt. Da singt Rowland über seine Herkunft, als Brite mit irischen Wurzeln, der in Wolverhampton – und später in London – für seinen Dialekt verspottet wird, aber auch, wie er – the boy Kevineen – dagegen anzukämpfen gelernt hat. Beim oftmals wiederholten Refrain, der klingt wie Mymymy jeieiei Lf in Ingln, werden Cockney & Tremolo zu einem strahlenden Choral vermählt.

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Es ist 44 Jahre her, dass Dexys Midnight Runners, 1978 in Birmingham gegründet, mit „Come On Eileen“ (von ihrem zweiten Album, „Too-Rye-Ay“, 1982) einen Riesenhit hatten, der – zuerst in England und den USA, dann weltweit – die Charts stürmte, und der bis heute auf zahlreichen Radio-Playlists rotiert, ohne etwas von seinem enormen Schwung und seiner harmonischen Verführungskraft – mit diesem keltisch-hymnisch die Tonleiter auf- und absteigenden Chorus – verloren zu haben.

Nun kann man die Band, die zeitweilig – mit Streicher- und Bläserensembles – zu einem kleinen Orchester anschwoll, aber personell stark fluktuierte, mit einigen wenigen Konstanten neben dem flamboyanten, in seiner Persönlichkeit nicht immer leicht verkraftbaren Rowland (wie etwa dem Posaunisten Jim Paterson), nicht unbedingt als One Hit Wonder bezeichnen (denn etwa auch das Van-Morrison-Cover „Jackie Wilson Said“ war sehr erfolgreich) – trotzdem kam sie, unter welchem Namen auch immer, an diesen globalen Smash-Hit nie mehr heran.

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Zwischenzeitlich, ab 1985 (nach dem Album „Don’t Stand Me Down“) nur noch als Dexys firmierend, dann ganz aufgelöst, 2003 kurz für eine Tour wiedervereint und erst 2012 komplett neu aufgestellt (nach zwei Soloalben von Kevin Rowland), ist „Love“ nun die erste wieder unter vollem Namen laufende Platte. „We realised a couple of years ago that some young people know Dexys Midnight Runners from (…) ,Come On Eileen’, but some that we spoke to, were confused by the name Dexys”, erklärt Rowland in einem dem Album beigefügten Statement. Daher nach dem griffigen Kürzel nun also wieder der volle Dreitakter: Dexys Midnight Runners.

Frühe Lieben, späte Lieben

Es sind zwar einige frühere Musiker und Songwriter neuerlich mit dabei, trotzdem ist „Love“ ein Kevin-Rowland-Album durch und durch. Er besingt darauf – mit den anfänglich beschriebenen Manierismen – die Themen seines Lebens, die eben alle irgendwas mit Liebe zu tun haben – daher hat er es auch gleich so benannt. Wozu lang herumdichten? Das ist nicht Rowlands Kernkompetenz, bei aller Lust am vokalen Ausschweifen kommt er lyrisch doch lieber rasch zum Punkt. Und dieser Punkt, in durchaus archimedischem Sinne, ist er selbst: „My instrument is me“, verkündet er im Pressetext, „and it’s all about the feel. The emotion. The soul. It’s always about that. I like to think about who I’m singing to. I’m always singing to somebody, and I often have a picture of them that I take with me into the studio.“

Die aktuellen Dexys Midnight Runners, mit Kevin Rowland in der Mitte  (c) Jake Walters

So werden sie allesamt, sein Vater, sein Bruder, frühe Liebschaften, späte Lieben (etwa im Song „Old Love“) mal andächtig, mal schwärmerisch, jedenfalls immer mit vollem Sentiment besungen. Und da in Supermärkten bereits die ersten Lebkuchen auftauchen, darf in diesen Spätsommertagen auch ein frühes Weihnachtslied nicht fehlen: „I want to be holding you next Christmas“ heißt es – und natürlich geht Rowland auch darauf in die Vollen – textlich wie stimmlich: „And I want to be holding you next Christmas/ I want the warmth of your skin and your body, next to mine…“

Ein Kreis schließt sich

Vielleicht muss uns der nun deutlich mehr amerikanisch croonende denn keltisch chantende Sänger auch derart frühzeitig und allumfassend von jenen berichten, die er alle noch im Arm halten will, weil es sich bei „Love“ möglicherweise um das letzte DMR-Album handeln könnte. Rowland selbst hält es für nicht mehr überbietbar: „Never say never, but it seems to end that journey that started with ,Searching for the Young Soul Rebels’.“ Mit dieser Anspielung auf das allererste DMR-Album (aus 1980) schließt Rowland gewissermaßen einen Kreis, wie auch Produzent David Holmes vermutet: „It feels like he’s tying up loose ends“.

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Mit Holmes, dem aus Belfast stammenden DJ und Musiker, verbindet Kevin Rowland die Herkunft aus einer Arbeiterfamilie, mit (nord-)irischen Vätern, die in ihren späteren Leben sanfter wurden, wovon auch der Song „Once A Man, Twice A Child“ handelt – ein Zentralsong auf diesem Liebesalbum: „I’m glad I had those times with you/ Made up for what we both went through/ And it was so great hugging you/ In those last days of you”.

Und beide, Rowland wie Holmes, denken gerne filmisch – lassen die Songs atmosphärisch weit ausstrahlen, sodass sie wie Soundtracks klingen. „It was like we were trying to direct a movie”, sagt Holmes in einem Interview, „and with Kevin and Dexys, every album is like stepping into a fully realised world – music, clothing, look…” Ja, so kann man das treffend ausdrücken, nämlich dass es sich bei Kevin Rowland um eine ästhetische Gesamtpersönlichkeit handelt, weswegen „Music, Fashion, Film”, wie das jüngste Album von Charli XCX heißt, ein mindestens ebenso passender Titel für diese Songsammlung der Dexys Midnight Runners gewesen wäre.

Himmel voller Geigen & Rise up, England

Musikalisch – mit manchmal sehr vielen Geigen (die zum Glück durch einen die gesamte Spielzeit über hochaktiven, melodisch federnden Bass – gespielt von Sam Dixon – konterkariert & geerdet werden) – wird hier mitunter schon sehr dick aufgetragen, was freilich bei einer Produktion, die derart von (persönlichem) Pathos getragen ist, nicht wirklich überrascht. Es klingt bisweilen schon sehr nach Simply Red (wobei für Mick Hucknall Ähnliches gilt wie für Kevin Rowland, nämlich dass beide in gewisser Weise ihre Bands SIND, deren Namen ohne sie, ihre überlebensgroßen Adepten, nur leere Hüllen wären).

Gute Laune macht diese keine Bombastgrenzen kennende, stellenweise aber auch über gehörigen Drive verfügende Musik aber so und so. Auch wenn aufgrund vieler aktueller Umstände – nicht nur in England – wenig Anlass dazu besteht, wie Kevin Rowland in einer Reprise des Eingangsstückes, nunmehr „My Life in England Pt. 2“, mehr als deutlich formuliert: „This world’s so fucking crazy, and innocent people being starved/ We’ve got to stop this madness, It cant go on no more/ Our humanity is dying while they suffer over there/ People being slaughtered/ Our governments dont care/ My life in England…”

Und am Ende ruft der Sänger – auch das ist nun besser verständlich (aber wahrscheinlich hat man sich einfach nur an seine eigenwillige Artikulation gewöhnt) – zur Volkserhebung auf: „Rise up, rise up. Rise up, people in England”!
Ein passendes Schlusswort im doppelten Sinn.

Dexys Midnight Runners: Love (Heavenly Rec.)

Alle, sein Vater, sein Bruder, frühe Liebschaften, späte Lieben werden von Kevin Rowland mal andächtig, mal schwärmerisch, jedenfalls immer mit vollem Sentiment besungen.