Prog-Archäologie und weibliche Highway-Stars
Über zwei Tribute Bands mit spezieller Ausrichtung: The Musical Box spielen Genesis-Shows originalgetreu nach & Strange Kind Of Women laden Songs von Deep Purple mit femininer Energie auf.

Weltweit die einzige weibliche Deep Purple Tribute Band: Strange Kind Of Women, am 5.6. live in Wien. (c) SKOW
Geht man aufmerksamen Blicks an Konzert-Ankündigungsplakaten und – in Wien noch immer beliebt & in Gebrauch – Litfasssäulen vorbei, hat man den Eindruck, dass es mittlerweile mehr Cover- und Tribute-Bands gibt als originäre Acts. Egal, ob Abba, Queen, Dire Straits oder Mike Oldfield: alle werden sie – sei’s in Musicalform oder in Band-Nachstellungen – recycelt und wiederaufgeführt, von den unzähligen Elvis-, Beatles-, Stones– oder Oasis-Epigonen erst gar nicht zu reden. Mitunter werden sekundäre Wiedergänger, wie etwa die Australian Pink Floyd Show, selbst zu fast so großen Marken wie die von ihnen gecoverten Bands (wobei es für deren Erfolg natürlich hilfreich ist, wenn die Originale nicht mehr existieren oder auftreten; an Radiohead beispielsweise traut sich bisher niemand so richtig heran).
Es gibt aber auch Coverbands, die über das Übliche hinausgehen. So wie etwa die 1993 in Montreal gegründete und bis heute bestehende Formation The Musical Box, die es sich – in mittlerweile oftmals veränderter Besetzung – zum Ziel gesetzt hat, nicht nur Songs der englischen Prog-Legende Genesis nachzuspielen, sondern auch deren einstige Liveshows möglichst getreu nachzustellen. Es ist also eine Art von historischer Rekonstruktion und Aufführungspraxis, die die Kanadier – zumeist in klassischer Fünfer-Konstellation, um das originale Genesis-Lineup (Gabriel, Rutherford, Banks, Hackett & Collins) abzubilden – in & mit ihren theatralischen Shows darbieten.
Sänger Denis Gagné – der sowohl die Vocalparts von Peter Gabriel als auch von Phil Collins übernimmt – bezeichnet ihre Nachstellungsarbeit als „Archäologie“, weil sie nicht nur anhand alter Aufnahmen diverse Verkleidungen (wie sie vor allem Peter Gabriel ausschweifend verwendete) auftreiben (müssen), sondern auch mittels rar und teuer gewordener Vintage-Instrumente den Sound von damals, also den 1970er Jahren, so exakt wie möglich rekonstruieren. Auch die Setlists der einzelnen Shows, die sich über mehr als zehn Jahre ganz auf die Ära von Peter Gabriel bei Genesis (1967-1975) konzentrierten, sind ident mit jenen aus der damaligen Zeit. Der Name der Band geht übrigens auf den Song „The Musical Box“ vom dritten Genesis-Album „Nursery Cryme“ (1971) zurück.
Neues Phil Collins-Programm
Seit 2007 performen The Musical Box auch Programme aus der Nach-Gabriel-Ära, wie etwa „A Trick Of The Tail“ (1976), wofür sie einen zweiten Drummer engagierten (so wie bei Genesis und ihrer „Trick“-Show einst Bill Bruford als zweiter Schlagzeuger neben Phil Collins hinzukam). Und nun, in wenigen Tagen, startet die Band eine neue, heuer auf Großbritannien beschränkte Tour mit dem Titel „And Then There Was … Phil“, die Auszüge aus den von 1976 bis 1980 mit Phil Collins als Sänger (& Drummer) tätigen Alben & Programmen enthält (neben „A Trick Of The Tail“ noch „Wind & Wuthering“, „And Then There Were Three“ und „Duke“).
Apropos Phil Collins: Bei einem Auftritt von The Musical Box 2005 in Genf enterte der inzwischen als Solist weltberühmte Sänger die Bühne und setzte sich für eine Nummer – natürlich „The Musical Box“ – hinters Schlagzeug (auf beigefügtem Video, einer Collage aus zahlreichen Shows der Band, ab Minute 4.05 zu sehen)!
Auch Steve Hackett (bei Genesis bis 1977 dabei) hat The Musical Box 2002 schon einmal bei einem London-Konzert beehrt und mit ihnen „Firth Of Fifth“ (vom Album „Selling England By The Pound“) mit seinem berühmten, bei Genesis-Fans besonders beliebten Gitarren-Solo performt. Und Peter Gabriel hat eine der ersten UK-Shows der Band mit seinen Kindern besucht, damit sie einmal sehen konnten, „was ich einst so getrieben habe“.
Italienerinnen mit Rock-Empowerment
Auch ein Deep-Purple-Mitglied hat bereits einmal bei einem Auftritt einer auf seine Stammband fokussierten Tribute Band teilgenommen. So hat Ian Paice, Gründungsmitglied und bis heute aktiver Schlagzeuger der englischen Rockband, sich bei einem Grazer Konzert der Band Strange Kind Of Women an die Drums gesetzt und die halb so alten Damen bei ihrer Show tat- & schlagkräftig unterstützt.
Denn das Besondere an Strange Kind Of Women (benannt nach dem gleichnamigen, nur in weiblicher Einzahl getexteten Deep-Purple-Song aus dem Jahr 1971) ist nicht nur, dass das Quintett ausschließlich aus Frauen besteht, sondern dass diese auch noch allesamt aus Italien (ab)stammen. Das ist im ansonsten hauptsächlich männlich dominierten Hard & Heavy-Genre schon an sich eine Rarität, und in dieser südeuropäischen Exklusivität erst recht.
Tatsächlich ist das 2019 von Eliana Cargnelutti (Lead Guitar) aus Turin gegründete Quintett die weltweit einzige weibliche Deep Purple Tribute Band, die sich bei ihren Live-Performances – es gibt (so wie übrigens auch bei The Musical Box) keinerlei Studioproduktionen – hauptsächlich auf die sogenannte klassische Periode der englischen Rocklegende bezieht, die von den Alben „Hush“ (1968) bis „Perfect Strangers“ (1984) datiert. Im Repertoire der mittlerweile auch mehrfach umbesetzten Frauentruppe (neben Cargnelutti ist nur noch Gründungsmitglied Margherita Gruden an den Keyboards aktuell mit dabei) befinden sich daher klassische Hadern wie „Child in Time“, „Smoke on the Water“, „Highway Star“ oder „Burn“.

Eliana Cargnelutti, Lead Guitar und Gründerin der Band, Graz 2024. (c) Pinter
Dass ihre Auftritte neben musikalischer Präzision vor Energie nur so strotzen, kann Kollege Christian Pinter bestätigen, der Strange Kind Of Women bei einem Konzert in Graz 2024 entdeckte und seitdem zu ihren Fans zählt (zuletzt sah er sie heuer im Jänner bei einem Gig in Brünn). Pinter (der in der „Wiener Zeitung“-Beilage „extra“ hauptsächlich über astronomische Phänomene berichtete, sich aber auch musikalischen Themen widmete, wie etwa – naheliegenderweise – dem Album „Dark Side Of The Moon“ von Pink Floyd oder Instrumenten wie dem Theremin oder der Hammondorgel*) ist vom weiblichen Empowerment des Quintetts begeistert, ihrem ganz speziellen Charme – und auch davon, dass sie mit ihren Instrumenten betont rücksichtsvoller umgehen als ihre männlichen Vorbilder (und dass die affige maskuline Rivalität zwischen Ritchie Blackmore und Jon Lord solcherart ausgespart bleibt).
Anders als The Musical Box kümmern sich die italienischen Damen naturgemäß weder im Aussehen noch im Bühnenstyling um die Ästhetik der Altvorderen, sondern setzen ganz auf ihre eigene, im Sound freilich schon dem Originalklang verpflichtete Exegese des klassischen Hard & Speed Rock.
Im Rahmen ihrer viele Konzerte u.a. in Deutschland, Tschechien und Österreich umfassenden „European Purple Women Tour 2026” spielen Strange Kind Of Women am 5. Juni in der Szene Wien (Infos & Tickets hier).
* Christian Pinter gibt auf seiner Homepage „Himmelszelt“ nicht nur fachliche Auskünfte über das Phänomen „Blue Moon“ – wie wir es vom 31. Mai auf den 1. Juni gerade hatten –, sondern auch Hinweise auf „Blue Moon Songs“.

Weltweit die einzige weibliche Deep Purple Tribute Band: Strange Kind Of Women, am 5.6. live in Wien. (c) SKOW
Anders als The Musical Box kümmern sich die italienischen Damen von Strange Kind Of Women weder im Aussehen noch im Bühnenstyling um die Ästhetik der Altvorderen, sondern setzen ganz auf ihre eigene Exegese des klassischen Hard & Speed Rock.



