Speedboot statt Tretboot
Innerhalb kurzer Zeit haben sich Lusterboden als eine Art Vorzeige-Act des „Neuen Wienerlieds“ profiliert. Mit ihrem neuen Album „Na Bravo“ schwimmen sie sich nun aus engen kategorischen Umklammerungen frei und drücken aufs Tempo.

Lusterboden: Na Bravo (Monkey)
Es hat in der Geschichte der österreichischen Pop-Musik vereinfacht dargestellt zwei starke Strömungen gegeben: Eine hat versucht, möglichst international zu klingen, während die andere im Gegenteil ihre Herkunft hervorgekehrt hat.
Es gab und gibt natürlich Künstler – Falco, wohl auch Wanda und ein paar andere -, die zugleich ihre internationale Ausrichtung wie auch lokale Verankerung ausstellen. Was uns hier aber besonders interessiert, sind die Musiker mit betontem „Lokalkolorit“.
Insbesondere in Oberösterreich ist die Volksmusik aufgegriffen worden, um sie mit Rock wie bei Wilfried und Hubert von Goisern bzw. Punk und HipHop wie bei Attwenger kurzzuschließen. Aktuell findet diese Musik aus dem alpinen Raum bei der Salzburgerin Anna Buchegger überzeugend Anschluss an Mainstream-Pop, aber auch Jazz und Elektronik.
Der Hauptanteil des österreichischen Pop mit Lokalkolorit kommt allerdings unbestreitbar aus Wien. Schon frühe Austro-Hits wie Marianne Mendts „Wie a Glock‘n“ oder „Da Hofa“ von Wolfgang Ambros würden unmöglich ohne das Wienerische als Idiom funktionieren; die enorm erfolgreichen Lieder des Malers Arik Brauer, das Schaffen von Geduldig un Thimann oder auch eines André Heller greifen musikalische Spielarten auf, die in Wien immer gut gediehen sind (wie z.B. das Chanson, jüdische und südosteuropäische Stile).
In den 80er- und 90er-Jahren geriet solche Musik zugunsten international ausgerichteter Produktionen etwas ins Hintertreffen. In der zweiten Hälfte der Nuller-Jahre ist sie wiedergekommen – über das Hintertürl, wie es zunächst schien.
Heute ist sie ein praktisch kaum mehr zu überschauendes Habitat in den pittoresken Weiten des österreichischen Pop.
Ernst Molden und Der Nino aus Wien haben wegweisende Arbeit geleistet, dieses Habitat (wieder) urbar zu machen, Kräfte wie Voodoo Jürgens, 5/8erl in Ehren, Die Strottern, Trio Lepschi oder Belle Fin, um nur ein paar zu nennen, haben es, wenn man so will, veredelt und weiter befruchtet.
Familiär und sozial „belastet“
Alle werden sie in irgendeiner Form mit dem Wienerlied bzw. dessen kontemporärer Nachfolge assoziiert.
Beim Duo Lusterboden ist die Verbundenheit wirklich zwingend, weil sogar familiär determiniert.

Lusterboden im Prater (© Simon Rajchl)
Einer der zwei, Merlin Miglinci, ist nämlich Urururenkel des Komponisten und Wienerlied-Pioniers Johann Schrammel. Dass der andere, Florian Klingler, als besten Freund seines Großvaters regelmäßig Georg Kreisler zuhause als Gast erlebte, ist an ihrem Werk auch nicht spurlos verübergegangen.
Dabei sind Klingler und Minglinci, die beide Gitarre und Klavier spielen, zum Musikmachen über Umwege gekommen. Näher kennengelernt haben sich die Schulkameraden nämlich, wie der Name Lusterboden suggeriert, über das Theater. Und zwar genau auf dem nämlichen Lusterboden, dem Dachboden des Burgtheaters, der als Probebühne genutzt wird. Hier haben sie für eine (von Cornelia Rainer) dramatisierte Fassung von Erich Kästners berühmtem Kinderbuch „Pünktchen und Anton“ geprobt, die dann im November 2015 im Kasino des Burgtheaters aufgeführt wurde.
Wenig später begannen die beiden, zusammen Musik zu machen: Über vier Jahre hinweg entstanden die Songs, die dann das Repertoire des 2024 veröffentlichten Debüt-Albums „Sturz auf Wien“ stellten. Gute Resonanz bei den ersten Konzerten, sehr gute Kritiken für das Album und überraschende Streaming-Zahlen machten das anfangs eher als Liebhaberei gedachte Projekt zum Fulltime-Job.
Schon in den frühen Songs, die Klingler (heute 24) und Minglinci (25) geschrieben haben, schwelt etwas Altklug-Abgefeimtes und offenbart sich eine beinahe beängstigende Überfülle an musikalischer Gewandtheit (insbesondere bei stilistischen Nuancen) und verbalem Geschick.
Dabei bleibt die Platte in all ihrer virtuosen und sophistischen Fasson definitiv dem Wienerlied verpflichtet, wobei Klingler und Minglinci besonders dessen Geistesverwandtschaft zum Chanson und Blues herausstreichen. Songs wie „Auf Der Donau Tretboot fahren“ oder das vertracktere „Der Guckguck“ legen Zeugnis davon ab.
Bock auf Rock
Die neue Platte „Na Bravo“ hat sich, wiewohl ebenfalls von Enzo Gaier (bekannt durch Arbeiten für Bibiza) produziert, einigermaßen energisch aus diesem Umkreis freigeschwommen. Dafür haben die beiden Jungspunde ihr Herz für Rock entdeckt und steigen aufs Gas. Speedboot statt Tretboot gewissermaßen.
Zu Beginn geht´s nach einem besinnlichen Intro mit „Vespa fahren“ zunächst einmal auf Schlingerkurs. Echos der ziemlich unterschätzten Grazer Band Granada klingen aus dem schnellen, von akustischer Gitarre getragenen und kräftigem Bass unterfütterten Beat hervor.
Das nachfolgende „Alles geht sich aus“ lässt wiederum eine gewisse Geistesverwandtschaft mit Philipp Auer und seiner Band Endless Wellness vermuten.
Und um das Namedropping zu vervollständigen: Die Intonation – in Hochwienerisch gehalten, klanglich aber vor allem von Minglinci dialektal eingefärbt – kommt nicht selten ins Fahrwasser des hier schon angemessen gewürdigten Singer/Songwriters Dima Braune.
Sprichwörtliches wörtlich genommen
Ein ordentlicher Hammer ist, auf einem groben E-Gitarren-Riff dahinbrausend, „Träumen Haarausfall“, ein bisserl Rock´n´Roll-Überschwang vibriert, seinem sarkastischen Inhalt zum Trotz, in „Kleiner Mann“. Im gallopierenden „LG“ vermitteln Akkordeon und Fidel eine Ahnung von Klezmer.
Die Coverversion des frühen Cure-Klassikers „Boys Don´t Cry“ ist ein besonderes Stück: Weil die Übertragung ins Deutsche als „Burschen weinen nicht“ um zwei Silben länger ist, hat man einfach die Melodieführung des Refrains dezent modifiziert. Und siehe da – es funktioniert. Gerade deshalb nimmt sich allerdings die bis ins letzte Detail gehende inhaltliche Originaltreue des deutschen Textes sehr suboptimal aus: Die eigene Verzweiflung weglachen – das war eben 1979 und erscheint heute ziemlich lächerlich.
Aber was ist so eine kleine Delle gegen die Geistesblitze, mit denen Klingler & Minglinci auch hier wieder, vornehmlich in den langsamen Balladen, auffahren? Vor allem ihr Geschick des Sinnverdrehens von Redensarten und Wortkombinationen durch pedantisches Wörtlichnehmen von Sprichwörtlichem lässt keine Wünsche offen: „Ich möcht mit dir Purzelbäume pflanzen und auf Lungenflügeln leise klimpern“. „Ich möcht mit dir durch Schädeldecken krachen.“ „Willst du mir einen Korb geben / dann lern´ ich halt zu flechten.“ „Am Donaustrand / kreist ein Gelsenschwarm / sticht so hoch er kann / Wolken kratzen sich schon jahrelang.“
An Sarkasmus, Frustration, Grant und homöopathischen Dosen Euphorie – die ja auch in manchen der obigen Zitate zart durchschimmern – fehlt es auch nicht.
Etwas aus dem Rahmen fällt „Schmusen“, eine gemütlich-gefühlige Ode an die Zweisamkeit, deren Stimmung überraschend nahe an Ludwig Hirschs „Gel´ du magst mi“ herankommt.
Sie gehört so unverzichtbar zum Ganzen wie der andernorts geäußerte Drang, ein Auto an die Wand zu fahren. So ist nun einmal das Leben.

Lusterboden: Na Bravo (Monkey)
Das Herz für Rock entdeckt und gleich auf die Überholspur, so präsentieren sich Lusterboden musikalisch. Die Inhalte indes bleiben genial verdreht.



