Ein fahrender Musikant erzählt

Jack Antonoff ist einer der erfolgreichsten Produzenten der Gegenwart. In einem kommerziell viel kleineren, ihm emotional aber umso wichtigeren Bereich bewegt er sich mit seiner Band Bleachers, die eben ihr eindrucksvolles fünftes Album veröffentlicht hat.

Von
25. Mai 2026

Bleachers: Everyone For Ten Minutes (Dirty Hit)

Kann man sich eine Kreuzung aus The National und Bruce Springsteen vorstellen? Ja eh – dass es sie gibt, verrät schon die Fragestellung an sich. Dass dabei definitiv sehr unterschiedliche Universen kollidieren, ist ebenso offenkundig, denn zwischen der (zu)packenden Emotionalität Springsteens und der distanziert-reflektierten, detailfreudigen Vielschichtigkeit von The National erkennen selbst Laien eine Distanz von eineinhalb bis zwei Popwelten.

Und doch kommt bei den* Bleachers zusammen, was Gott getrennt hat, weil deren Mastermind Jack Antonoff stimmlich und gesangsstilistisch The National-Sänger Matt Berninger öfters zum Verwechseln ähnelt – sein Zugang zum Musikmachen aber maßgeblich von Springsteen inspiriert ist.

Wie Springsteen stammt Antonoff aus New Jersey, vertraut dem Saxophon als emotionalem Stimmungsbooster, hat hörbar ein Herz für Soul und R&B und die Neigung, Pathos-Pop hymnisch aufzudonnern. Und reflektiert das Leben in seinem Heimatland, auch wenn er als Jahrgang 1984 Springsteens Runaway American Dream nicht einmal mehr als Chimäre kennt.

For privacy reasons YouTube needs your permission to be loaded. For more details, please see our Datenschutzerklärung.

Und doch gibt es bei Antonoff noch eine weitere bemerkenswerte Parallele zu The National: Wie deren Gitarrist Aaron Dessner ist er einer der gefragtesten Produzenten dieses Planeten.
Als Aufnahmeleiter mehrerer LPs und Co-Autoren zahlreicher Songs teilen sich Antonoff und Dessner den Status als wichtigster künstlerischer Helfer des weltgrößten Pop-Superstars Taylor Swift.
Antonoff hat außerdem für Lana Del Rey, Kendrick Lamar, Sabrina Carpenter, St. Vincent, The 1975 u.v.a. die Regler betätigt und Songs mit Charli XCX geschrieben. Zur Aufbewahrung all seiner Preise braucht er womöglich eine Lagerhalle, allein für den Grammy war er über 30 mal nominiert, tatsächlich geholt hat er ihn 13 mal.

Gemessen an diesen Dimensionen von Breitenwirkung nimmt sich Antonoffs kommerzielle Bilanz als künstlerischer Protagonist mit den Bleachers eher bescheiden aus. Platz 11 in den Billboard 200 für das Debütalbum „Strange Desire“ (2014) war das Höchste der Gefühle, eine Überarbeitung des Erstlings mit neuen Interpretationen des Repertoires unter dem Titel „A Stranger Desired“ im Jahr 2024 schaffte es gar nicht erst in die Notierung.

Vor den Bleachers hatte Antonoff indes bereits Erfolge mit dem Pop-Rock-Ensemble Fun, das 2012 mit dem Album „Some Nights“ die Nummer 3 der US-Charts erreichte und mit der daraus ausgekoppelten Single „We Are Young“ deren Spitze erklomm. Doch Antonoff hatte Fun, wo er Gitarre spielte, zum Songwriting beitrug, nicht aber die erste Stimme sang, nie als seine Band betrachtet und schon längere Zeit den Aufbau seiner eigenen Formation Bleachers vorbereitet.

For privacy reasons YouTube needs your permission to be loaded. For more details, please see our Datenschutzerklärung.

Diese geriet dann zu einem eigentümlichen Hybrid aus einem Vehikel für Antonoffs Ambitionen als Sänger und Songschreiber und einer richtigen Band mit einem Line-Up aus Gesang, Gitarren, Keyboards sowie zwei Drummern und zwei Saxophonisten.

Zusätzlich kommen an der einen oder anderen Stelle noch Streichinstrumente und prominente Gaststimmen wie Lana Del Rey, Annie Clark (St. Vincent), Yoko Ono, Lorde oder The Boss himself, Bruce Springsteen, zum Einsatz.

Musikmachen als Akt der Selbstermächtigung

Auf dem neuen, regulär fünftem Bleachers-Album „Everyone for Ten Minutes“ wird übrigens, so wie schon bei dessen unbetiteltem Vorgänger (2024) auf prominentes Gastpersonal verzichtet. Trotzdem – womöglich gerade deswegen – ist es das bislang eindringlichste und intensivste des Sextetts.

Jack Antonoffs Schaffen mit den Bleachers kreist so konsequent wie unbeirrbar um die Musik, die ihn geprägt hat, um seine Anfänge, als er mit klapprigen Gefährten zu Auftritten für paar lumpige Dollar getuckert ist, und um das Aufwachsen in New Jersey in nachgerade provokanter Nachbarschaft zur Weltmetropole am anderen Ufer.
Antonoff räumt dieser Zeit insofern besonderes Gewicht ein, als er die Entscheidung, als Musiker durch die Lande zu ziehen, als Akt der Selbstermächtigung begreift.

Bleachers mit Jack Antonoff (2.v.r.) und seinen äußerst versierten Begleitern (© Alex Lockett)

Die Rückbesinnung findet nicht etwa nur in den Texten Widerhall, sondern auch in starken musikalischen Zeichen.
So beginnt „The Van“ mit einem eigentümlichen Sample des Soul-Hits „Don´t Want to be Lonely“ von Blue Magic.

Das Sample erzählt eine Geschichte: Jung-Jack steuert den titelgebenden Tour-Bus zu einer Selbstbedienungs-Tankstelle in Philadelphia. Nun haben weder er noch die mit ihm fahrenden Kids eine Ahnung, wie mit dem Zapfhahn umzugehen ist, weil daheim in New Jersey Selbstbedienung bei Tankstellen verboten (oder zumindest schwer verpönt) ist. Und während die Kids planlos an der Gerätschaft herumfummeln, läuft im Radio der besagte Hit der Philly-Soul-Gruppe Blue Magic.

Referenzen an die Rockgeschichte – und an das eigene Schaffen

Wie jeder Künstler, der ordentlich auf sich hält, referenziert Antonoff wort- und geistesgewandt die Rockgeschichte und ihre mythischen Trugbilder wie zum Beispiel jenes, dass jung zu sterben romantisch sei. Aber auch das eigene Schaffen wird augenzwinkernd ausgestellt, wenn in „Dirty Wedding Dress“ mit der Zeile „We took that sadness right from saturday night“ auf den Titel der Bleachers-LP „Take the Sadness Out of Saturday Night“ von 2021 Bezug genommen wird.

For privacy reasons YouTube needs your permission to be loaded. For more details, please see our Datenschutzerklärung.

Ein weiterer wiederkehrender Topic in Antonoffs Inhalten ist der frühe Tod seiner Schwester durch einen Gehirntumor, am nachdrücklichsten reflektiert im grabesruhigen „Can´t Believe You‘re Gone“.

Der rückbezüglich-autobiographische thematische Rahmen könnte sich, wie ja gerade Meister Springsteen exemplarisch vorexerziert hat, gut mit einem musikalischen Rückgriff auf die „unverdorbene“ Ära des Pop in den 50er- und frühen 60er-Jahren vertragen. Aber obwohl Antonoff eine gewisse Affinität für diese Epoche zeigt, hält er den stilistischen Rahmen so offen, dass sich das Klangbild auf engem Raum in kurzer Zeit signifikant wandeln kann.

Das besonders Bemerkenswerte an „Everyone For Ten Minutes“ ist die unvermittelte wechselseitige Durchdringung von schwelgerischem Orchester-Pomp, Mainstream-Pop/Rock mit kippenden Überstimmen, und versponnenen, bisweilen fast ausfransenden Strukturen, die insbesondere gut mit und von den Saxophonen leben.
Dass die Platte solchermaßen das eine oder andere Mal Assoziationen zu Pulp, zu Werken wie „We Love Life“, weckt, passt da gut dazu. Für den Fall, dass wir bislang noch nicht deutlich (genug) gesagt haben, wieviel Intelligenz hier dahintersteckt.

For privacy reasons YouTube needs your permission to be loaded. For more details, please see our Datenschutzerklärung.

* Der Bandname Bleachers ist, so wie z.B. Eagles oder Sex Pistols, ein Mehrzahlterminus ohne vorangestelltes „the“. Zugunsten des natürlichen Sprachflusses im Deutschen wird hier aber ein „die“ vorangestellt.

Bleachers: Everyone For Ten Minutes (Dirty Hit)

Das besonders Bemerkenswerte an „Everyone For Ten Minutes“ ist die unvermittelte wechselseitige Durchdringung von schwelgerischem Orchester-Pomp, Mainstream-Pop/Rock mit kippenden Überstimmen und versponnenen Strukturen.