Momentaufnahmen

Fragmentarisch, skelettiert auf unterstem klanglichen Lo-Fi-Niveau gibt sich Der Nino aus Wien auf seinem letztlich hochgradig anrührenden 13. Album „Neubau alone“.

Von
17. August 2026

Der Nino aus Wien: Neubau alone (Medienmanufaktur)

Wieder so ein Fall, wo das berüchtigte I-Wort fällig wird.
Wieder so ein Fall von klaffender Diskrepanz zwischen einschlägiger medialer und subjektiver (Erst-)Wahrnehmung.

Also: Ich konnte die lebhaften Akklamationen der LP „Neubau alone“, die Der Nino aus Wien kürzlich als sein 13. Opus herausgescheibt hat, zunächst überhaupt nicht nachvollziehen. Bis an den Rand der Verärgerung hat es mich irritiert, wie etwa Robert Rotifer in der FM4-Sendung „Heartbeat“, das Magazin „profil“ oder die APA und mit ihr Kunden wie „News“ ihre Freude an und mit dem puristischen Longplayer kundgetan haben.

Was sollte besonders daran sein, dachte ich, bei ersten Hörproben das Gegenteil von beeindruckt, dass Der Nino aus Wien jetzt ganz allein ein akustisches Album macht, wie das Springsteen mit „Nebraska“ und übrigens auch er selbst schon mit der Begleit-CD zu seiner Kompilation „Immer noch besser als Spinat“ (2015) getan haben?!
Und: Muss man es genial finden, wenn es um Song-Skelette herum eiert, knackst, knistert und rauscht?

For privacy reasons YouTube needs your permission to be loaded. For more details, please see our Datenschutzerklärung.

Einmal am ganzen Stück gehört und aller Unmut war Makulatur.

Was für eine ergreifende Langspielplatte! Wie viel Herz, Goodwill, Ansprache, Stimmigkeit, Atmosphäre, Mut, Intelligenz, aber auch Spaß in einem Stück Musik, das auf alle produktionstechnischen Privilegien eines hochversierten Musikprofis verzichtet – und zwar nicht mit großer Geste, sondern gleichgültiger Selbstverständlichkeit.

Natürlich: Nüchtern betrachtet gehört, was hier vorgetragen wird, nicht zu den allerbesten Stücken, die Nino Mandl, wie Der Nino aus Wien bürgerlich heißt, je gemacht hat. Kann es gar nicht, weil es nicht für eine normale Produktionen gemacht ist.

For privacy reasons YouTube needs your permission to be loaded. For more details, please see our Datenschutzerklärung.

Zwar könnten einzelne Songs wie „Athen“, „Wir aus dieser Stadt“ oder das flotte „Lange schon genug“, aufgepeppt durch den psychedelisch angehauchten Folk-Pop-Rock-Sound, zu dem Der Nino mit seiner ausgezeichneten Band über die letzten gut zehn Jahre tendiert hat, auf jeden Fall auch auf sauber produzierten LPs bestehen.
Aber darum geht es hier sehr deutlich nicht.

Mit allen Nebengeräuschen

Die 12 Tracks von „Neubau alone“ sind eben nicht für die Ewigkeit bestimmt, sondern für den Augenblick. Es ging nur darum, sie in ihrem Urzustand zu dokumentieren – und zwar im wahrsten Wortsinn mit allen Nebengeräuschen.

Momentaufnahmen. Vielleicht präziser: Aufnahmen aus dem Moment heraus.

Wer frühe Platten von Daniel Johnston oder auch Sparklehorse liebt, wird nachvollziehen können, welche Faszination dieser Art des Musikmachens eigen sein kann.

Ein Profi verzichtet auf seine produktionstechnischen Privilegien: Der Nino aus Wien (© Didi Lipkovich)

Aufgenommen worden ist „Neubau alone“ nicht nur in nämlichem Bezirk, sondern auch in Simmering, Hirschstetten, Favoriten und in einem Hotelzimmer.
Außer den Geräuschen, die die jeweiligen Locations produzierten, sind auf den Aufnahmen eine Krähenpfeife (die Krähen anlocken soll), eine Mundharmonika, akustische und lärmige elektrische Gitarren zu hören.

Das Fragmentarische und Beiläufige in der Entstehungsgeschichte der Musik spiegelt sich in den Inhalten. Das sind nicht durchdachte und -formulierte Geschichten, wie sie Mandl durchaus (gut) kann, sondern eher sich Glied für Glied, Assoziation für Assoziation voranhangelnde Gedankenketten.

Danke“, ein Stück, das Mandl eigenem Bekunden zufolge besonders am Herzen liegt, verbindet etwa eine Art kategorischen Imperativ mit einer Reihe von Mutmacherappellen: „Du hast so viel Zeit vergehen (verwehen?) lassen – lebe wieder! / Die Welt wartet auf dich – warte nicht länger auf die Welt / sie kommt nicht zurück zu dir / wenn du sie warten lässt / Geh hinaus, hinein / tief in dich rein und weit aus dir raus / du hast alles was du brauchst“, stößt der Sänger da eruptiv und ohne sich an irgendwelchen formalen musikalischen Rahmungen zu stoßen, hervor.

For privacy reasons YouTube needs your permission to be loaded. For more details, please see our Datenschutzerklärung.

In „Zerrissene Figuren“ rekapituliert der Der Nino aus Wien seinen Zugang zum Musikmachen über den schon zwei Dekaden währenden Lauf seiner Karriere von den frühen Anfängen als Möchtegern-Dylan über die ersten Erfolge mit der LP „Down In Albern“ und der impressiven Hit-Single „Du Oasch“ bis zum lebensmutigen Gegenwarts-Bekenntnis: „Ich brauch die große Angst nicht / vor der Veränderung“.

Was in den Szenarien auch immer mitspielt, ist Wien als Heimat und nomineller Teil der Identität des Musikers: „Wir aus dieser Stadt werden immer vom Takt ihres Walzers verführt.“

Der Nino aus Wien: Neubau alone (Medienmanufaktur)

Das Fragmentarische und Beiläufige in der Entstehungsgeschichte der Musik spiegelt sich in den Inhalten.