Zeitlose Wiederkehr in der Karaoke Bar
Von Prince über Interpol, die Geschwister Angus & Julia Stone bis zu Sofie Royer und Holli: Ein rasanter Fleckerlteppich aus aktuellen Songs und Videos.

Erstmals veröffentlicht: Zehn Songs zehn Jahre nach dem Tod von Prince (Sony)
In der Welt des Pop bin ich Royalist. So war (und ist in ihrer historischen Formation bis heute, wie an anderer Stelle bereits einmal kundgetan) Queen für mich die beste Liveband aller Zeiten. Und Prince war & bleibt der absolute Genius des Pop/Rock/Soul/Funk, gewissermaßen der King (als den man freilich Elvis stets titulierte, wogegen ich auch nichts einzuwenden habe).
Härtere Gangart
Von Prince ist nun, zehn Jahre nach seinem Tod (und bereits einigen postumen Veröffentlichungen), mit „Timeless“ ein Album mit zehn unveröffentlichten Songs (aus dem Privatarchiv im Paisley-Park in Minneapolis) erschienen, die mit ihrem Entstehungsdatum die gesamte Karriere des Prince Rogers Nelson von 1978 bis 2016 abdecken – und auch ein Querschnitt seines vielgestaltigen Schaffens darstellen: von frühem Afro-Beginn („I Am You“) bis zu einem Live-Cut, wenige Tage vor seinem Tod in Atlanta aufgenommen („How Come U Don’t Call Me Anymore?“).
Wir heben mit „The Guilty Ones“ ein Stück aus dem Jahr 2007 und aus seiner härteren, rockistischen Phase hervor – auch weil es dazu einen optisch rasanten, aus vielen Schnippseln zusammengefügten Video-Fleckerlteppich gibt.
Tiefe Wurzeln, hohe Stimme
Obwohl eine Dekade nach Prince’s Ableben erst aufgenommen bzw. veröffentlicht, klingen die Songs des aus Maryland in den USA stammenden, aber bereits früh nach Liverpool übersiedelten R’n’B-& Soulsängers Jalen Ngonda (auf dessen kürzlich erschienenem Album „Doctrine Of Love“), als wären sie Jahrzehnte davor entstanden – kein Wunder, da sie sich an einer Wiedererweckung des klassischen Motown-Soul versuchen, mit perfekter klanglicher Mimesis an dessen traditionell vollmundige Sounds mit verschleppten Rhythmen, wie der Song „Good Good Love“ exemplarisch zeigt: tief verwurzelt im musikalischen Erdreich Detroits, mit erstaunlich hoher Stimme ausgeführt.
Dunkel-hymnische Prozession
Nach über zehnjähriger Pause haben Interpol mit „This Mirror Weighs A Ton“ wieder ein Album in ihrer Heimatstadt New York aufgenommen – und als wäre die Zeit im Nu vergangen, klingt die Band rund um Sänger Paul Banks und Gitarrist Paul Kessler (den beiden einzigen verbliebenen Ur-Mitgliedern) auch 2026 wie eh schon immer, seit ihrem Beginn 1997, also vor bereits knapp 30 Jahren: Bank’s scharf-heisere, mit viel Echo durch weite Hallräume geisternde Stimme, unterfüttert von einem satten Gitarren/Bass-Gemisch, forsch vorangetrommelt zu einer dunkel-hymnischen Prozession.
Diese Mixtur, nicht originell, aber zeitlos haltbar wie zähes Cellophan, überdauert noch Jahrzehnte, so wie auch der Song „Darling Thoughts“.
Vollendete Dreiminüter
Die walisische Band The Tubs, vergleichsweise jung mit Geburtsjahr 2018 (und hierorts bereits gewürdigt), vollbringt nahezu mit jeder ihrer Veröffentlichungen, zuletzt wiederum gebündelt im aktuellen (insgesamt dritten) Album „Hard Life“, das simple Wunder von rockistisch vollendeten Dreiminütern: Eins, zwei, Haudrauf, ein paar Akkorde von jinglenden Gitarren, ein mehrstimmiger Gesang in harmonisch unwiderstehlichem Rauf und Runter – und fertig ist solch ein Bastlerhit-Song, wie etwa „Now And Then“, dessen Verführung in Sekunde eins einsetzt und nach exakt 2:52 Minuten endet. Dazwischen: reines Glück. Außer den neuseeländischen The Chills und den irischen The Coronas (sic!) kenne ich keine Band, die aus so wenig so viel macht – und das in durchgängiger Manier. Auch ein Kunststück.
Geschwister-Singsang
Von Neuseeland (in der Erinnerung an die flott verfertigten Popsongs der Chills) nach Australien, zum Geschwisterduo Angus & Julia Stone und seinen seit 20 Jahren verfügbaren & einnehmenden Blues- & Indie-Folk-Weisen. Auch an diesem durchaus simplen, aber patenten Erfolgsrezept hat sich nicht viel verändert, wie das neueste Album, „Karaoke Bar“, zeigt, dessen Titelsong, hier live performt, das beste & entzückendste Stück ist, das man – vom Singsang- bzw. auf Neudeutsch: SingAlong-Refrain animiert – in Karaoke-Manier gerne mitträllern kann.
(Wobei, interessantes Detail am Rande, die im Video eingeblendeten Lyrics den Begriff „Karaoke“ zumindest anfänglich nicht korrekt wiedergeben, sondern irgendwas von „came and woke up“ spintisieren, was einmal mehr zeigt, wie vertrottelt manche KI nach wie vor agiert).
Lost in Belanglos
Die Wienerin Sofie Royer hat sich – nach mittlerweile vier Alben (zuletzt „Before/After“) – einiges an auch internationalem Starruhm & Renommee erspielt, obwohl sie sich – wie kürzlich in einem „Falter“-Interview – selbst irgendwo in einem halbanonymen Zwischenreich verortet: „Ich bin zu sehr Pop für die Kunstwelt und zu Indie-Darling für den Mainstream“. In besagtem Gespräch äußert sie – neben schrillen Thesen („Eine Band wie Pink Floyd könnte heute nicht mehr überleben“) – auch den Anspruch, zeitlose Musik zu machen, ohne dabei auf aktuelle Trends zu schielen.
Nun denn, beim Anhören ihrer ziemlich belanglosen Songhäppchen käme man kaum auf die Idee, dass diese mit keinem Trendbarometer vermessen wären – und schon gar nicht, dass sie sich in Richtung Zeitlosigkeit erstrecken könnten. Einmal kurz angehört – und schon wieder vergessen, wie etwa das keineswegs süchtig machende „Opium“.
Auf den Spuren von Coldplay
Auf den Salzburger Musiker Ro Bergman und dessen kürzlich erschienenes Debütalbum „Saum“ hat bereits Kollege Bruno Jaschke in seiner jüngsten Ösi-Rundschau hingewiesen – und aufgrund des darauf dargebotenen vielseitigen Art-Pop/-Rock beiläufig auch den Namen Alt-J fallen gelassen.
Mehr noch als an die in dieser Kategorie ziemlich konkurrenzlose britische Band erinnert mich freilich ein Song wie „No Mistakes“ an die nicht ganz so hoch angesehenen (dafür global noch viel erfolgreicheren) Coldplay. Der Gesang von Roland Reinmüller (so der bürgerliche Name von Ro Bergman) klingt, vor allem in den höheren Passagen, schon sehr nach Chris Martin – und würde diesem, wie der gesamte Song, durchaus Ehre machen.
Freundschaft!
Bleibt noch der gebürtige Linzer Holli, der eigentlich Tobias heißt (aber aufgrund seines irgendwie holländischen Aussehens während des Zivildienstes in einem Seniorenheim den Namen „Holli“ erhielt), und dessen am 2. Oktober erscheinendes zweites Album „1000 Jahre Schlaf“, aus dem die durchaus aufgeweckte Single „Jumpy“ vorweg ausgekoppelt wurde.
Schon das fette Synchro-Intro weist auf eine verspielt-veralberte Van-Halen-Parodie hin, während der sonorig-verhallte Gesang des vermeintlichen Niederländers eine schöne amikal-verbindliche Zeile & Botschaft enthält, der man sich nur voll-inhaltlich anschließen kann: „Ein Leben ohne Freunde ist eines, das ich niemals leben will.“ Ein Freundschafts-Slogan, den auch die SPÖ vielleicht wieder einmal beherzigen sollte…

Erstmals veröffentlicht: Zehn Songs zehn Jahre nach dem Tod von Prince (Sony)



