Nicht Träume, sondern Alpträume

Nicht ihr erstes Album mit Coverversionen veröffentlichen Xiu Xiu: Auf „Xiu Mutha Fuckin‘ Xiu: Vol. 1“ interpretieren sie auf ihre abgründige Weise so unterschiedliche Vorbilder wie die Talking Heads, Throbbing Gristle, Coil oder Roy Orbison.

Von
15. Feber 2026

Ce que j’ai fait, ce soir-là/Ce qu’elle a dit, ce soir-là/Réalisant mon espoir/Je me lance vers la gloire… OK!“, ungefähr: „Was ich an diesem Abend getan habe/Was sie an diesem Abend gesagt hat/Meine Hoffnung verwirklichend/Stürze ich mich in den Ruhm… OK!
So der „Psycho Killer“, dessen Worte ihm Bassistin Tina Weymouth einflüsterte. Ursprünglich in einer früheren Fassung von The Artistics, einer Band von David Byrne und Chris Frantz, 1974 für ein Demo Tape aufgenommen, wurde der Song 1977 zum Markenzeichen der Talking Heads, vor allem Dingen auch durch den einprägsamen Bass. Jede Anspielung auf den Serienmörder David Berkowitz, auch als Son of Sam bekannt, der 1977 gefasst wurde, wiesen die Talking Heads jedoch von sich.
Als Opener eines Albums mit Coverversionen fügt sich „Psycho Killer“ hervorragend in das nicht minder psychotische Universum Xiu Xius, die sich seit 2022 als Trio präsentieren. Neben Jamie Stewart und Angela Seo komplettiert auf „Xiu Mutha Fuckin‘ Xiu: Vol. 1“, so der LP-Titel, erneut David Kendrick an den Percussions/Drums die Band. Zudem ging eine Reihe von Gastmusikerinnen und Gastmusikern zu Werke.

For privacy reasons YouTube needs your permission to be loaded. For more details, please see our Datenschutzerklärung.

Mit Coversongs haben Xiu Xiu bereits einige Erfahrung. 2016 veröffentlichten sie „Xiu Xiu Plays the Music of Twin Peaks“ und 2013 eine Hommage an Nina Simone. Doch bereits auf der EP „Chapel of Chimes“ (2002) fand sich ein Joy Division-Cover („Ceremony“) und 2008 interpretierte Jamie Stewart im Duett mit Michael Gira (Swans) den Klassiker „Under Pressure“ (David Bowie/Queen). Doch nun erreichen Xiu Xiu mit ihrem neuen Album noch ganz andere Dimensionen.

Mit „Warm Leatherette“ aus dem Jahr 1978, dessen bekannteste Coverversion wohl von Grace Jones stammen dürfte, erinnern Xiu Xiu an das kurzlebige Projekt The Normal von David Miller, der Ende der 1970er Jahre Mute Records gründete. 1978 kam es sogar zu einem gemeinsamen Konzert von The Normal mit Industrial-Pionier Robert Rental an der Sheffield University Student Union, wo sie als Vorband von Cabaret Voltaire und Throbbing Gristle auftraten. So ist es nur schlüssig, das sich von den „Wreckers of Civilisation“, wie TG einmal von einem konservativen britischen Parlamentarier genannt worden sind, auf „XMFX: Vol 1“ „Hamburger Lady“ von 1977 findet, nonchalant interpretiert von Angela Seo.

Was für die japanische Band BorisLast Christmas“ ist, ist für Xiu Xiu vielleicht „I Put a Spell on You“ von Screaming Jay Hawkins, das durch die Kalifornier und nunmehrigen Wahlberliner seine wahrscheinlich expressivste Einspielung erfährt. Mit „In Dreams“ bereist Jamie Stewart die Traumwelten von Roy Orbison und erinnert gleichzeitig noch einmal an die mittlerweile gut erkundete Filmwelt von David Lynch, betreten Xiu Xiu doch nach wie vor mit der Performance „Eraserhead“ die Bühnen.

For privacy reasons YouTube needs your permission to be loaded. For more details, please see our Datenschutzerklärung.

Zum Skandal geriet Anfang der 1980er Jahre das Video zum Song „Sex Dwarf“ von Soft Cell, das zwischen Sadomaso-Praktiken und Kettensäge pendelte. Für Xiu Xiu ist das freilich nur eine willkommene Herausforderung.

Bei aller Unterschiedlichkeit ist es erstaunlich, wie es Stewart und Co. gelingt, jeden Song wie einen Xiu Xiu-Song klingen zu lassen, was bei den Coverversionen der Jahre zuvor nicht unbedingt der Fall war. Sei es bei Robyns „Dancing on My Own“, das Xiu Xiu fast gespenstisch entschleunigt darbieten, oder bei „SPQR“ von This Heat, dem sie einen verstörenden, fast militärischen Drill verleihen, immer streifen Xiu Xiu den Liedern einen hermetischen, paranoiden, fast erstickenden Sound über. „Lick or Sum“ der Rapperin GloRilla etwa nehmen sie jede Ähnlichkeit zum Rap und tauchen den Song in einen beängstigenden Rhythmus, so dass jede sexuelle Anspielung plötzlich zur Bedrohung wird.

So geht es bei den Coverversionen denn auch weniger um Träume, von denen man sich wohlig mitführen lassen könnte, als vielmehr um Alpträume und Abgründe. Aber das ist bei Xiu Xiu ja nichts Neues, diesmal jedoch mit fremden Federn ebenso gekonnt dargeboten. Wer im Übrigen Abonnent von xiuxiu69.bandcamp.com ist, konnte sich schon seit Längerem an den Coverversionen erfreuen. Seit 2020 veröffentlichten Xiu Xiu jeden Monat einen neuen Coversong, den die Abonnenten exklusiv zu hören bekamen. „Xiu Mother Fuckin’ Xiu: Vol 1“ bietet nun 12 als Auswahl.

For privacy reasons YouTube needs your permission to be loaded. For more details, please see our Datenschutzerklärung.

Diskutabel mag gegen Ende das Cover von Coils „Triple Sun“ sein, das im Original eher auf Schönheit setzte. Hier wirken Xiu Xius Ambitionen fast wie eine Themenverfehlung. Dann überzeugen sie aber doch noch mit „Cherry Bomb“ von The Runaways bei einem für Xiu Xius Verhältnisse äußerst zugänglichen Album: „Can’t stay at home, can’t stay in school/Old folks say, ‚You poor little fool‘/Down the street, I’m the girl next door/I’m the fox you’ve been waiting for …

Bei aller Unterschiedlichkeit der Vorlagen ist es erstaunlich, wie es Stewart & Co. gelingt, jeden Song wie einen Xiu Xiu-Song klingen zu lassen.