Österreich erzählt (ein bisserl was)
In 100 aus unterschiedlichsten Gründen als maßgeblich erachteten Songs versuchen die Musikexperten und Kulturarbeiter Walter Gröbchen und Thomas Mießgang die Geschichte der österreichischen Pop-Musik darzustellen.

Walter Gröbchen & Thomas Mießgang: „Die guten Kräfte. Die Geschichte der österreichischen Popmusik in 100 Songs.“ (Milena Verlag, Wien 2026)
„Dieses Buch hat eine Vorgeschichte.“
Die Vorgeschichte, das sind zahlreiche, in unterschiedlichen Medien und Darstellungsformen realisierte Versuche, die Geschichte der österreichischen Popmusik zu dokumentieren.
2013 haben die beiden Autoren Walter Gröbchen und Thomas Mießgang gemeinsam mit „Falter“-Redakteur Gerhard Stöger und dem Musikjournalisten Florian Obkircher das Buch „Wien. Pop. Fünf Jahrzehnte Musikgeschichte erzählt von einhundertdreißig Protagonisten.“ im Falter Verlag herausgegeben. Wenn auch auf Wien beschränkt und nur bis knapp nach der Milleniumswende reichend, bot es erstmals ein umfassend und schlüssig aufbereitetes Bild von österreichischem Pop aus den Blickwinkeln von Menschen, die teilnehmend oder beobachtend/beschreibend dabei waren.
Es folgten eine Ausstellung im Wien Museum („Ganz Wien. Eine Poptour“, 2017) und im Radiokolleg in Ö1 die Serie „Lexikon der österreichischen Popmusik“.
„Die guten Kräfte“ ist theoretisch die Entspannungsübung nach der Arbeit des Suchens, Fragens, Entdeckens, Zusammenfassens, Auswählens, Kategorisierens, Gestaltens/Aufbereitens.
Nach subjektiven Kriterien stellen Gröbchen, vieljähriger Ö3-Mitarbeiter, A&R-Mann für Major-Labels in Deutschland, Labelchef, Kolumnist, Autor und wichtige Stimme im öffentlichen Diskurs, und Mießgang, ehemaliger Musiker, promovierter Germanist, Feuilleton- und Radio-Journalist, Autor und Kulturarbeiter, in fifty-fifty-Aufteilung jene 100 Songs vor, die sie für die wesentlichen halten, die Österreichs Pop-Kultur hervorgebracht hat.
Natürlich kann von „Entspannungsübung“ keine Rede sein. Bei Popmusik eine – wie auch immer geartete – Auswahl zu treffen, ist eine praktisch unpackbare Aufgabe, das ist spätestens seit Nick Hornbys Romans „High Fidelity“ amtlich. Immer ist das Boot voll und irgendwas müsste UNBEDINGT noch hinein (und übrigens: dass „Seerosenteich“ vom Trojanischen Pferd nicht drinnen ist, geht aber sowas von gar nicht!). Erschwert wird die Übung noch durch die Auflage, dass pro Interpret nur ein Song Aufnahme in die Liste findet. Das hat in Einzelfällen bereits heftiges Kopfschütteln verursacht: „Vienna Calling“ als ultimativer Falco-Song – echt jetzt?

Walter Gröbchen (© Milena Verlag)

Thomas Mießgang (© Milena Verlag)
Indessen lassen die Selektionskriterien sehr wohl zu, dass ein Musiker* mehrmals vertreten sein kann. Falco schafft das als Solist und als Bassist der Hallucination Company; Willi Resetarits als Teil der Schmetterlinge („Johnny reitet wieder“) wie auch als Frontmann von Ostbahn-Kurti und die Chefpartie („Arbeit“). Auch für Ernst Molden, der mit der Ballade „Hammerschiedgossn“ Aufnahme findet, gibt´s ein lauschiges zweites Eckerl für sein Duett mit Der Nino aus Wien („Espresso“).
Andere aussichtsreiche Kandidaten* waren weniger glücklich: Mira Lu Kovacs ist mit Schmieds Puls gelistet, nicht aber mit ihren anderen, teils hochkrätigen Aktivitäten mit 5k HD, My Ugly Clementine oder ihren Kooperationen mit Clemens Wagner – der es übrigens just durch sie theoretisch ebenfalls zu einer Zweifachnennung hätte bringen können, denn mit 5/8erl in Ehr´n („Siasse Tschik“) ist er der erste Act in der alphabethisch geordneten, ein Dreiviertel Jahrhundert (von 1950 bis 2025) umfassenden Auslese.
Auch das Bizarre zählt
Es sind nicht etwa nur Lieblingssongs, die die Autoren ausgewählt haben. Manchmal sind es, wie die beiden im Vorwort schreiben, „sogar Hassobjekte“. Ihre Argumentation: Zur Popgeschichtsschreibung des Landes gehören nicht nur die besten, sondern auch die bizarrsten Momente.
Vor allem Mießgang geht in der Nominierung potentieller Witzfiguren ziemlich weit. Turning Point mit ihrem rührend stupiden ersten Hit „Easy Song (Song of Lalala)“ oder Christina Stürmer, „das Mädchen, mit dem man Pferde stehlen (aber nicht Tauben vergiften) kann“, sind kraft ihrer (in unterschiedlichen Epochen entfalteten) Publikumswirkung noch vergleichsweise einfacher zu argumentierende Faktoren, um nicht zu sagen Faktoten in seiner Auflistung.
Interessant wird es allerdings, wenn Mießgang über den Rahmen dessen hinausgeht, was wir als Pop oder – wie die Kabarettklassiker von Gerhard Bronner, Helmut Qualtinger und Georg Kreisler – als dessen Vorläufer bzw. Geistesverwandte verstehen.
Wenn es also jenseits der Bereiche geht, die wir Pop-Fans (gerne oder gerade noch) zu akzeptieren bereit sind.
Marika Lichter und Peter Alexander liegen schon deutlich in diesem jenseitigen Bereich (wiewohl sich Lichter vorübergehend als Pop-Sängerin versucht hat und Alexander von manchen Protagonisten der NDW mit Vorbild-Referenzen geehrt wurde).
Wie Mießgang indessen bestimmte Charakteristika ihres künstlerischen(?)/unterhalterischen Tuns und Treibens in Beziehung zum nachkriegsmiefigen gesellschaftlichen Klima in Österreich setzt, gehört zu den stärksten und erhellensten Abschnitten des Buchs.
In Lichter („Adieu“) erkennt Mießgang den „Traum von der paillettenglitzernden großen Chansonwelt zwischen Hildegard Knef und Greta Keller, der sich angesichts eines schwach ausgeprägten Glamourbewusstseins in der Proporzrepublik schnell in Luft auflöste.“
Auch bei Peter Alexander, der in der Filmklamotte „Ich bin kein Casanova“ (1959) in „Titino Tin“ zu einem Swing eine Rock´n´Roll-Performance (vor-)gibt, konstatiert Mießgang einen Clash zwischen (adaptierter/angemaßter) Zeichensprache und einem restriktiven Zeitgeist.
Denn vor dem Hintergrund „einer von überlebenden Austrofaschisten maßgeblich mitgestalteten klerikal-konservativen Restauration“ wirkten „die tapsigen Rock’n’Roll-Choreografien des Peter Alexander, gepaart mit seinem harmlos-spitzbübischen Kaplansgesicht, (…) nicht wie Handkantenschläge einer aggressiven Befreiungsenergie, sondern wie eine Sammlung von Tics, die sich zum Symptom einer neurotischen Dissoziation verbünden.“
Freddy Quinn und sein reaktionäres Anti-Hippie-Lied „Wir“ ist ein Sonderfall. Hier liegt trotz klapprigem Rock-Arrangement keine gefinkelte Brechung vor, hier gibt es auch keine Meta-Ebene – hier ertönt in aller Simplizität (bzw. Primitivität) die Stimme der berüchtigten schweigenden Mehrheit, die mit gesellschaftlichen Veränderungen nicht mitkommt. Auch das ist Pop – ein hässliches Stück zwar, aber es gehört dazu.
Von „Live is Life“ bis „Ziwui Ziwui“
An den üblichen Verdächtigen, die man aus Hitparaden, Formatradios, Regionalsendern, Nostalgieshow, und, sofern neueren Datums, Streamingdiensten wie Spotify kennt, kann die Liste sowieso nicht vorbei.
Alle sind sie vertreten: „Live is Life“ (Opus), „Hollywood“ (Waterloo & Robinson) „Melancholie“ (Bambis), „Ziwui Ziwui“ (Wilfried), „Du entschuldige – i kenn’ di“ (Peter Cornelius) „I am from Austria“ (Fendrich), „Wia a Glock´n“ (Marianne Mendt), „Ich fahre mit dem Auto“ (Minisex), „Da Hofa“ (Ambros) natürlich, Georg Danzers „Ruaf mi ned an“. „Love Machine“ von Supermax, „Griechischer Wien“ von Udo Jürgens. Franz Moraks „Schizo“. Und was schon gar nicht fehlen darf, ist „Mei potschertes Leb’n“ von Hansi Orsolics, das Gröbchen in tiefenscharfer Klarsicht so charakterisiert: „Die Aufnahme blieb roh, direkt, beinahe improvisiert – die Begriffswelt des Boxens schwingt wortlos mit: Kampf, Rhythmus, Einstecken, Austeilen, Runden, Pausen. Orsolics verwandelte seine Vergangenheit nicht in Pathos, sondern in eine lakonische Humoreske. Das Potscherte – also Unbeholfene, Schiefe, Ungelenke – geriet zum Statement gegen Karrierismus und Perfektionismus.“
Den Populismus der Auswahl zu hinterfragen oder zu kritisieren ist müßig. Bei Songs – wesenhaft Singles – ist Breitenwirkung ein substanzieller Faktor. Eher erscheinen hier Stücke wie Kreiskys „Scheiße Schauspieler“ oder Leyyas „Superego“, die zwar exzellent sind, aber nie größere Hits waren und keinen wie auch immer gearteten kollektiven Impact ausgelöst haben, wie Fremdkörper.
Dass „Die guten Kräfte“ auch Seiler & Speer an Bord haben, mag unglücklich anmuten. Die Übergriffigkeiten Christoph Seilers wurden erst nach Drucklegung publik. Ihr Song „Ham kummst“ wäre aber, vermutet Walter Gröbchen, von extra-music befragt, selbst dann drinnengeblieben, wenn man darum gewusst hätte. „Mit entsprechenden Anmerkungen“, ergänzt Gröbchen. „Der Song ist einfach massiv erfolgreich (gewesen?)“.
Das Buch wird in Ö1 am 27.3., um 9.05 Uhr in „Kontext“ besprochen. Am selben Tag um 17.30 Uhr bringen die „Spielräume“ Hörbeispiele und laden zur Diskussion: Was ist in Würde gealtert, wo deckt sich Erfolg mit anhaltender Bedeutung, was bleibt zu Recht in Erinnerung – oder verschwindet zu Unrecht?
Präsentation: 13.4., 18.30 Uhr, Wien Lesesaal der Wienbibliothek, Rathaus, Eingang Lichtenfelsgasse 2
*Weibliche Form mitgemeint

Walter Gröbchen & Thomas Mießgang: „Die guten Kräfte. Die Geschichte der österreichischen Popmusik in 100 Songs.“ (Milena Verlag, Wien 2026)
Besonders interessant wird es, wenn die Liste jenseits der Bereiche geht, die wir Pop-Fans (gerne oder gerade noch) zu akzeptieren bereit sind. Bei Leuten wie Peter Alexander.



