Wo Mainstream Fortschritt bedeutet

Von Limitationen des Indie-Pop befreit sich das Wiener Trio Kobrakasino auf seiner formidablen, vielseitigen zweiten LP „Alarm für Kobrakasino“.

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12. Juni 2026

Kobrakasino: Alarm für Kobrakasino (Sirene Records)

Wahrscheinlich müssen wir österreichischen Pop-Fans uns mit dem Gedanken anfreunden, dass wir in den ersten zwei Dekaden dieses Milleniums mit Jahrhunderttalenten verwöhnt worden sind, wie wir sie in dieser Dichte nicht mehr so schnell wieder kriegen werden: Ja, Panik, Garish, Kreisky, Soap & Skin, Ernst Molden, Der Nino aus Wien, Gustav, Clara Luzia, Voodoo Jürgens, Fuzzman, nicht zu vergessen Skero, Bibiza und Parov Stellar; Love God Chaos, Das Trojanische Pferd, Mira Lu Kovacs, Bilderbuch, Wanda und so weiter bis annähernd Ende nie. Wenn man diese Liste halblaut vor sich hinsagt, wirkt das hier aufgeworfene Postulat alsgleich (noch) plausibler.

Die Künstler, die besagte Größen beerben sollen, haben es in gewisser Hinsicht doppelt schwer: Nicht nur dass sie sich an großen Vorgaben messen müssen, haben sie sich nun in einer hochkompetitiven, professionellen Szene mit komplexen Kommunikations- und Marketing-Prämissen zu bewähren und können gleichwohl auf dem beschränkten österreichischen Markt nur mit bescheidenden Erträgen rechnen.

Und doch gibt es noch immer Akteure, die imstande scheinen, aus dem mächtigen Schatten der großen Altvorderen herauszutreten. Lusterboden, unlängst hier vorgestellt, sind bereits auf dem Weg dazu. Ebenso prädestiniert wären, wie ihr neues, auf ihrem eigenen Label Sirene Records veröffentlichte Album „Alarm für Kobrakasino“ untermauert, Kobrakasino.

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Warum noch der vorsichtige Konjunktiv?

Kobrakasino schreiben gute, bisweilen tolle Songs, grosso modo gute, teils originelle Texte und bewegen sich stilistisch in einem interessanten Spektrum, das zu einer Art Mainstream tendiert, der im Verhältnis zu herkömmlich-bravem Indie-Pop/Rock viel mehr einen Fortschritt denn eine Verwässerung darstellt. Vielleicht ist das am besten dadurch veranschaulicht, dass sich Kobrakasino nicht selten wie eine deutschsprachige Version von Gin Ga anhören, dem zweit- oder drittheißesten Scheiß der Wiener Pop-/Rock-Szene um 2010.

Was die Band noch zu tun hat, ist, ihren Fokus noch ein paar kleine Nuancen zu schärfen. Ein bisserl viel – durchwegs Interessantes – kommt da zusammen und zerrt hin und wieder an der Leine, die das Ganze auf Kurs halten soll: Geradliniger Gitarren-Pop-Rock, Electro-Pop, Dream-Pop, Funk, Liedermacher-Folk, üppig mit Synthies wattierte Refrains (siehe Gin Ga). Und der Wunsch, cool und emotional zugleich rüberzukommen.

Kobrakasino: Sebastian Hiti, Christian Schöttel, Benno Hiti (© Minna Rothbart @minnawerigkeitskomplexe)

Kobrakasino bestehen aus dem Sänger, Texter und gelegentlichen Keyboarder Christian Schöttel sowie den Brüdern Benno (dr, keys) und Sebastian ,,Cosbo“ Hiti (git, zweite Stimme) – letztere zwei sind übrigens Söhne von Norbert Wally, dem Kopf des legendären Trios The Base. Damit ist auch erzählt, dass die Ursprünge von Kobrakasino in Graz liegen – längst haben die drei aber in Wien Quartier bezogen.

Sie haben etliche Singles veröffentlicht und 2023 mit ihrem ersten Album „Sonne, Mond & Dynamit“ ein Versprechen abgeben, das von den einschlägigen medialen Verstärkern wie FM4 durchaus auch gehört und angenommen worden ist.
„Alarm für Kobrakasino“ ist verglichen mit dem Erstling etwas offensiver und auch dynamischer.

Entfremdung, Unbehagen

Was noch vor dem ersten Ton auffällt, sind ein paar Titel. „Das Herz von meinem Chef (tun schon so weh)“. „1000 Jahre tief“. „Zentrale“ – hier findet man metaphorisch, was man nie gesucht hat: Emotionen bei Personen, bei denen sie nichts verloren zu haben scheinen, verdrehte Physik, offiziöse Förmlichkeit.

Ein Song, der „Schlange“ heißt, scheint um platte psychoanalytische Deutungen nachgerade zu betteln. Stattdessen stolpert der Text, in irritierendem Kontrast zum animierten, fast burlesken Groove der Musik, vers- und reimlos mit den Worten „Die Schlange, sie klappert / ich greife sie an / glänzende Haut hängt um meinen Hals / mit ihren Zähnen versprüht sie ihr Gift / lila ist das Serum / halt meinen Kelch hin“ in ein Szenario, das vielleicht darum geht, dass man keinen besonders guten Tag hat – oder um etwas anderes.

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Schöttels Texte haben die Eigenart, dass man zwar viele Motive, Bilder und Details entschlüsseln und daraus Gefühle von Entfremdung und einem vage definiertem Unbehagen, aber kaum je triftige Narrative ableiten kann.

Im majestätischen „Zentrale“, wo ein Funk-Rhythmus so zugespitzt wird, dass er (entfernt in der Art von Paul Simons „Mother and Child Reunion“) wie eine Reggae-Adaption anmutet, ehe er sich in einem monströsen Rock-Refrain entlädt, geht es erkennbar um jemanden, der jemanden sucht und nicht findet. Welcher Art die titelgebende Zentrale ist – eines Taxiunternehmens? eines Spitals, Heims? – bleibt dagegen unklar.

Im zügigen, an die besten Zeiten der New Wave erinnernden, von einer sonoren Keyboard-Figur umgetriebenen und von einer robusten Gitarre getragenen Abschlusssong „Dezember“ kommt immerhin heraus, was unser Leiden ausmacht: Selbstsucht und, wie es am Ende express verbis heißt: „Ich komm nicht aus meiner Haut.“

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Kobrakasino: Alarm für Kobrakasino (Sirene Records)

Viel Interessantes kommt da zusammen und zerrt hin und wieder an der Leine, die das Ganze auf Kurs halten soll: Geradliniger Gitarren-Pop-Rock, Electro-Pop, Dream-Pop, Funk, Liedermacher-Folk, üppig mit Synthies wattierte Refrains.