Wild geht´s zu im Alten Norden

Mit Richard Dawson in ihren Reihen hat die Formation Hen Ogledd ein begeisterndes neues Album mit dem schönen Titel „Discombobulated" veröffentlicht.

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2. März 2026
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Hen Ogledd: DISCOMBOBULATED (Domino Records)

Hen Ogledd ist ein walisischer Ausdruck und heißt „Der Alte Norden“. Er bezeichnet (heute im Norden Englands und Süden Schottlands gelegene) spätantike britannische Königreiche, in denen Alt-Kumbrisch, eine keltische Sprache, gesprochen wurde.

Hen Ogledd nennt sich auch ein hochkarätiges, im Kern vierköpfiges Ensemble von Musikern aus diesem Raum, das sich gemeinsam mit weiteren Musikern, Freunden und Familienangehörigen regelmäßig zu gemeinsamer Aktivität zusammenschließt.

In den frühen Zehner-Jahren gegründet, waren Hen Ogledd ursprünglich ein Duo, bestehend aus dem formidablen Singer/Songwriter Richard Dawson und dem walisischen Komponisten, Improvisationsmusiker und Soundinstallateur Rhodri Davies. Durch eine 2013 veröffentlichte, schlicht „Hen Ogledd“ betitelte LP ist diese Urformation auch auf Tonträger dokumentiert.

Aber erst mit dem Zuzug von Sally Pilkerton, im Brotberuf Illustratorin und Grafikdesignerin, und Dawn Bothwell, Künstlerin, Kuratorin und promovierte Kulturwissenschaftlerin mit Doktortitel, fängt die Geschichte der Band richtig an.

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Daher gilt die chronologisch zweite LP „Mogic“ (2018) als das archetypische Hen-Ogledd-Album, auf dem sich die Musik – ein verwegener Mix aus keltischem Folk, Jazz, Elektronik, Pop und Rock – bereits in vollentwickelter Pracht präsentiert.

Ein bisserl verrückt darf (es) auch sein

Ihr dieser Tage erschienener Nachfolger mit dem schönen Titel „Discombobulated“ (verwirrt, desorientiert, falls jemand gefragt hätte) geht indes noch zwei oder drei kühne Schritte in der Verwendung ausgefallener, exzentrischer, bisweilen auch ein bisschen verrückt anmutender Stil- und Gestaltungsmittel weiter.

Stimm- und Instrumental-Beiträge von Kindern (von Bandmitgliedern und Freunden), aber auch sporadisch eingestreute liebliche Sing-along-Melodien relativieren, konterkarieren stellenweise sogar den radikalen, bisweilen fast avantgardistischen Appeal der Musik, die sich weiter denn je Richtung Free Jazz bzw. Freistil wagt.

Dezente Haken schlagen auch die durchaus gewichtigen Inhalte, die etwa Turbokapitalismus, die Social Media-Pest, Rassismus und andere unschöne Dinge anschneiden.
„Discombobulated“ leugnet oder unterminiert nicht etwa die Dringlichkeit dieser Probleme, doch wird die Konfrontation mit ihnen auf eine gewisse spielerische, fast bukolische Weise ausgetragen.

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Gelegentlich legt sich gelegentlich sogar ein Hauch Dadaismus über das Werk: In ein rührendes Lied über ein braves Pferd wird immer nach dessen Namen „Clara“ das Wort „Disco“ skandiert (beachten wir immerhin, dass es, wenn auch einigermaßen getarnt, im LP-Titel steckt). Und warum „End Of The Rhythm“, ein Aufruf zu politischer Aktion, mit den Worten „An absensce of berries“ endet, weiß außer den vier Akteur/innen, die übrigens urheberseitig strikt gemeinsam zeichnen, wohl niemand.

Richard Dawson, das bekannteste Bandmitglied, dominiert das Klangbild bei weitem nicht so, wie man es, insbesondere nach seinem großartigen letztjährigen Album End Of The Middle, annehmen könnte.
Bei „Discombobulated“ sind seine Agenden auf den Bass und Harmonie-/Begleitgesang fokussiert; zwei Mal setzt er mit der Gitarre Akzente, nur ein Mal, in „Death In A Post-Truth World“, tritt er solistisch als Sänger hervor.
Dawn Bothwell rappt, singt, spielt Keyboards und einige Percussion.
Sally Pilkington singt und bedient ebenfalls Keyboards. Rhodri Davies singt bzw. deklamiert auf Walisisch, spielt Harfe und einmal Piano.

Gemeinschaftlichkeit wird bei Hen Ogledd großgeschrieben (© Domino Records)

Wichtige, weil den Sound mitprägende Helfer sind Will Guthrie am Schlagzeug, Fay McCalman, Saxophon und Klarinette, sowie Nate Wooley, Trompete. Dazu werden Field Recordings etwa von Pferde-Schnauben oder dem Geräusch des Windes und von Insekten an einem Pool im fernen, warmen Melbourne verwendet. Keineswegs unerwähnt bleiben darf der Beitrag von Janne Westerlung, dem Gitarristen der finnischen Band Circle, mit der Dawson 2021 das Album „Henki“ eingespielt hat: Er deklamiert – auf Finnisch, versteht sich -, ein paar Zeilen im 20-minütigem „Clear Pools“, das natürlich ein Markstein auf „Discombobulated“ ist.

Barden-Rap

Der mit knapp 50 Minuten noch einigermaßen überschaubar gezeitete Longplayer, der wegen seiner Reichhaltigkeit, Stil- und Ideenvielfalt auf positive Weise länger wirkt als er ist, beginnt mit dem programmatischen Opener „Nell´s Prologue“, in dem eine kindlich klingende Stimme das bewaldet-hügelige Setting für die folgenden Szenarien ausschildert.

Gleich darauf folgt mit dem achteinhalbminütigen „Scales Will Fall“ ein großer Höhepunkt: Zwischen feierlich-vielstimmigen Chorstimmen wütet zunächst Bothwell in einem Stil, den sie als Bard-Rap verstanden wissen will, gegen Kriegstreiber und die Gier von Konzernen, worauf sich das Stück in einer zunächst temperierten, dann aber heftig auszuckenden Trompeten-Improvisation zu verlieren scheint, die letztlich aber wieder zurückführt in den hymnischen Chorus.

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Das bereits erwähnte „Death In A Post-Truth World“ ist ein Beispiel, wie eine simple, anmutige (von Davies walisisch gesungene) Leitmelodie in die Irre führen kann, ehe Dawson in seinem Vortrag über Meinungs-Manipulation und Illusionen klarmacht, was Sache ist.
In der Ballade „Clara“, mit dem Schnauben des nämlichen Pferds und dem Geräusch eines (vermutlich altertümlichen, weil recht lauten) Filmprojektors bereichert, entfacht Pilkingtons lieblicher Gesang eine fast surreale Atmosphäre. „End Of The Ryhthm“, von Dawson mit einem tollen Bass angetrieben, ist das bei weitem poppigste, eingängigste Stück der Platte.

„Clear Pools“, das sich inhaltlich als eine Art Meditation über die heilende Natur des Wassers gibt, führt mit wildem Getrommel in eine Free-Jazz-artige, aus jeder Fassung gebrochene Interaktion aus Drone-artigen Sounds und aufgebrachtem Gebläse, um über ein Klavier in einen wunderschönen, wenn auch aufs erste Anhören schier endlosen, wieder von Pilkingtons ergreifender Stimme getragenen psychedelischen Teil zu gleiten.

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Dass am Ende mit „Land Of The Dead“ ein walisisch vorgetragenes Spoken-Word-Stück ohne normale Songstruktur, nicht aber ohne rhythmische Rahmung steht und – wiewohl man vom Text natürlich kein Wort versteht – in seinem Flow eine eigentümlich beruhigende Wirkung ausstrahlt, passt bestens zu diesem berauschenden Opus.
Aussichtsreicher Bewerber für die Platte des Jahres, selbstverständlich.

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Hen Ogledd: DISCOMBOBULATED (Domino Records)

Verspielte und kindliche Passagen lenken bisweilen von musikalischer und inhaltlicher Radikalität ab.