Das Party-Monster rockt

Als „Rocknrollst★r“ gibt sich der Wiener Shooting-Star BIBIZA auf seinem neuen Album. Und lässt dabei naturgemäß kein einschlägiges Klischee aus.

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13. August 2026

BIBIZA: Rocknrollst★r (SMD / Four Music / BIBIZA

Der Donau verdankt Österreich einen unschätzbaren Teil seiner kulturellen Identität. Die Popmusik indes hat den Strom die längste Zeit so links liegen gelassen, wie er in Wien am Stadtkern vorbeifließt.
Charakteristisch manifestiert sich diese Missachtung in Rainhard Fendrichs Hit „Haben Sie Wien schon bei Nacht geseh’n“: „Suchen Sie nicht nach dem Donaustrom, den man sicher verstaut“. Ein Echo aus jener Wirtschaftswunder- und Wiederaufbauepoche, in der sich Städte von ihren Flüssen abwandten, die sie als bedrohliche Natur wahrnahmen.

Genau das, den Fluss als bedrohliche Natur, schildert BIBIZA in seinem Tanzboden-Knaller „Donau“ (2024).

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Das ist allerdings furchtbar lustig: „All diе Gassen überschwemmt / Die Donauwalze (ein fiktives Passagierschiff, Anm.) ist versenkt / Wo kommt das ganze Wasser her? / Österreich liegt jetzt am Meer / Für Manche ist’s der Untergang / Für die Hofburg ein Strandzugang / Ich zieh‘ die Badeschlapfen aus / Und schwimm‘ ins schwarze Meer hinaus“ jubiliert der Vokalist im Grenzbereich zwischen Rap und euphorisch-retardiertem Gesang.

Viele Wege führen zu BIBIZA

Es gibt viele mögliche Einstiege zur Erstbegegnung mit BIBIZA, der 1999 in Wien als Franz Laurenz Bibiza das Licht der Welt erblickt hat.
Sehr Aufmerksame haben ihn schon seit seiner Debüt-EP „Copypaste“ (2019) auf der Rechnung, wo er im Sprechgesang zu meist mäßig temperiertem Arrangements irgendwo zwischen Easy Listening und Cloud-Rap Momentaufnahmen aus dem Leben eines jungen Mannes an der Schwelle zum Zwanziger offenbarte: Auf den Putz hauen, Erlebnisse mit Mädchen, Trinken, halluzinatorische Substanzen, aber auch einmal, für sein Alter erstaunlich abgeklärt, existenzielles Philosophieren.

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Mit „Wiener Schickeria“ (2023), das zwei „Amadeus“ (bei fünf Nominierungen) einfuhr und den Sänger erstmals in die deutschen Charts brachte, erfand sich BIBIZA, um die Phrase hier wegen faktischer Trefflichkeit aufzugreifen, definitiv neu: Als Party-Monster, das nichts auslässt, dabei aber auch mit scharfer Zunge und feiner Witterung für menschliche Schwächen und Abgründe die Welt der Hippen & Schönen durch den Gatsch zieht, der sich aus den Rückständen der Sause gebildet hat.
Musikalisch hatte er sich vom HipHop, den er nun als einschränkend empfand, entfernt, um einen weiten Bogen von Rock über Funk zum Melodie-Pop zu ziehen.
Diese Mischung funktionierte inhaltlich und klanglich auch beim nächsten, ein Jahr später veröffentlichten, noch erfolgreicheren Album „Bis einer weint“, von dem auch der oben zitierte Song „Donau“ stammt.

Spielball der Reize

Wie auch immer: Schon vor der Veröffentlichung seines neuen Albums „Rocknrollst★r“ firmierte BIBIZA als einer größten kontemporären österreichischen Pop-Stars, gefragt in Deutschland – und mit riesigen Erwartungshaltungen befrachtet. Denn wie in einschlägigen Medien ja schon ausgiebig moniert worden ist, wittert Österreich ja in allem, was männlich ist, sich vor einem Mikrofon bewegt, gerne auf Denglisch vorträgt und ein bisschen Charisma & Talent mitbringt, einen neuen Falco.

Franz Laurenz Bibiza, hier auf einem Promo-Foto anlässlich der „Amadeus“-Verleihung 2024 (© Amine Sabeur)

Nun weiß zwar auch BIBIZA um die Wirkmächtigkeit affektiert überhöhter Selbstdarstellung, doch spielt diese mit anderen Stilmitteln und und erzielt damit zwangsläufig unterschiedliche Effekte.
Sein angedunkelter, leicht heiser und latent atemlos klingender Gesang verströmt nicht die Aura überlegener Distanz, sondern eines Spielballs der auf ihn eindonnernden Reize.
Auf diesem Weg fabriziert er Wortspiele und Assoziationsketten, deren Niveau sich von Unterste Schublade bis Grenzgenial erstreckt.

Vieles klingt nach Rauschidee (bzw. Schnapsidee, um einen Titel seiner neuen LP aufzugreifen). Zum Beispiel der verbale Kurzschluss der Worte „Opa“ und „Opernring“. Oder: „Ich fahr‘ nach Hietzing, wo ich Hits sing‘“.

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Zum anderen inspirieren die ungesunden Substanzen zu echten Geistesblitzen wie „Morgenstund hat Gold im Mund / Und macht meine Nase wund“ oder „Man bringet mir den Spritzwein, bitte / Weil nur so find‘ ich wieder zurück zu meiner Mitte“.

Der bisweilen kabarettistische Einschlag und das zwanglose Nebeneinander von Plattheit und Ingeniosität in seinen Inhalten rücken ihn in mehreren Momenten der EAV näher als Falco oder auch Yung Hurn, der ebenfalls gern als einer seiner nächsten Referenzpunkte gesehen wird.

„Die Leber panieren, die Lunge asphaltieren“

Mit „Rocknrollst★r“ packt BIBIZA, wie der Titel zwingend nahelegt, die Rock-Sau aus. Er tut das aber nicht wie Charli XCX in Form eines bedeutsamen, sich selbst exorbitant wichtig nehmenden Statements, sondern bedient dabei textlich wie musikalisch ziemlich jedes verfügbare Klischee: Schlafengehen bei Morgengrauen. „Die Leber panieren und die Lunge asphaltieren“, wie es in einem Song (das genannte „Schnapsidee“) heißt. Überall erkannt werden, dauernd angerufen werden, permanent im Flieger unterwegs sein. Schneetreiben im Kopf. Sex und Whisky on the rocks im Hotel imperial.

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Dazu dröhnen herrlich primitive, stampende, von allen Effektgeräten dieser Welt verzerrte Gitarrenriffs, Mainstream-Synthies und Lynn-Drums Marke 80er-Jahre.

Es geht beim Aufgreifen von Klischees immer darum, mit wie viel Witz es gemacht ist, und BIBIZA hat ihn natürlich. In „Hotel Imperial“ gelingt es ihm sogar, ein Sex-Szenario mit etwas spielerischem Humor zu infiltrieren: „Take off, take off the Crocs / Already naked, bis auf die socks / But socks, no sex in socks“.
In „Franz“ dekliniert er seinen Vornamen in allen möglichen Sprachen durch. Nur in Asien ist er mit seinem Latein – das sich hier sprichwörtlich anbietet – am Ende: In Hongkong weiß er das lokale Pendant einfach nicht, und in Japan behilft er sich mit einem „Konichiwa“ („Hallo“, „Guten Tag“).
Angesichts ständiger Signale seines Mobiltelefons droht er: „Wenn’s noch einmal klingelt, hau‘ ich’s Handy in den Bach – red‘ doch mit die Fische“.

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Wenn sich dann allerdings doch auch noch ein paar Dosen Einsicht in die benebelte Wahrnehmung mischen wie in „Wenn du am Boden bist“, einem der attraktivsten und flüssigsten Songs des Albums, hört sich der Spass relativ rasch auf.

BIBIZA: Rocknrollst★r (SMD / Four Music / BIBIZA

„Rocknrollst★r“ ist kein sich selbst unendlich wichtig nehmendes Statement. Spürbar ist trotzdem der Respekt, den BIBIZA und seine Begleiter dieser archaischen Musik entgegenbringen.