Rock – so abgefeimt wie nur

Von „Brat“ sind nur mehr die selbstreferenziellen Texte übergeblieben. Musikalisch dominieren auf „Music, Fashion, Film", dem neuen Album von Charli XCX, heftige Gitarren, Störgeräusche und produktionstechnische Finesse.

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30. Juli 2026

Charli XCX: Music, Fashion, Film (Atlantic)

Wenn Herbert Kickl, Volkskanzler der Herzen im rechten Winkel, auf seiner Facebook-Seite über jemanden herzieht, pflegt er gerne zu fragen, „Spürt sich … (Selensky, Meinl-Reisinger, Babler, you name it) noch?“

Sich zu spüren – beziehungsweise: überhaupt etwas zu spüren -, ist ein großes Thema für Charli XCX. Und es ist besonders ein Thema ihres neuen Albums „Music, Fashion, Film“.

Gleich der erste Song „Rock Music“ macht das – neben der musikalischen Wegrichtung – unmissverständlich klar: „I’m really banging my head / I’m really hurting my neck / The nervе damage is real / But it’s the only way to feel somеthing / Hurt yourself“.

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Sich selbst Schmerz zufügen, um die Realität zu fühlen: Die (inhaltliche) Ähnlichkeit zu Trent Reznors epochalem, mit der Version von Johnny Cash unsterblich gewordenem Junkie-Drama „Hurt“ ist nicht zu übersehen.
So weit aber, damit die ultimativen Grenzen der Existenz abzutasten, geht Charli XCX denn doch nicht – bei ihr ist es vielmehr eine trotzige Geste, sich von ihrem Mega-Erfolg mit dem Album „Brat“ (2024)  und Role-Model-Zuschreibungen als Hyper-Pop-Ikone nicht betäuben zu lassen.

Ein weiteres Statement aus „Rock Music“ bekundet Charlis grimmige Entschlossenheit, nicht vom selbst entfachten Hype vereinnahmt zu werden: „I think the dance floor is dead / So now we’re making rock music“.

Nicht nur Popstar

„Music, Fashion, Film“ ist bereits die zweite Platte von Charli XCX in diesem Jahr nach „Wuthering Heights“, dem eindrucksvollen Soundtrack zu Emerald Fennells Film-Adaption von Emily Brontës Roman-Klassiker.

Der LP-Titel soll verdeutlichen, dass Charli XCX sich nicht nur über Pop, sondern über multiple Disziplinen definiert – neben Musik auch Mode und Film. Sowohl mit dem Film (als Schauspielerin und Drehbuchautorin) als auch mit der Mode (als Model und Testimonial) hat die 34jährige britische Sängerin und Songschreiberin mit dem bürgerlichen Namen Charlotte Emma Aitchinson einschlägige Erfahrung.

Das Cover von „Music, Fashion, Film“ zeigt indes, fast einer Allegorie gleich und möglicherweise beseelt auch vom Wunsch, dadurch substanzieller zu wirken, drei alte Meister dieser Fächer: Für die Musik den genialischen Freigeist John Cale (84), mit dem Charli XCX bei „Wuthering Heights“ zusammengearbeitet hat, für die Mode Designer Marc Jacobs, mit blutjungen 63 das Nesthäckchen des Trios, und für den Film Regisseur Martin Scorsese, 83 Jahre alt.

„Brat“ war vorgestern – so präsentiert sich Charli XCX aktuell (© Tyrell Hampton)

Dass indes das Album inhaltlich nicht mit intellektuellen oder philosophischen Diskursen auffährt, sondern letztlich mit genau jener Art grenzenloser Selbstreferenzialität, die schon „Brat“ charakterisiert hat und von annähernd der gesamten Pop-Journaille gierig gefressen worden ist, überrascht wenig.
Bloss das Umfeld, in das sie gestellt wird, ist ein anderes: War „Brat“, vereinfacht, eine Art Manifest der Selbstermächtigung, zu tun und lassen, was Charli als junger Frau so alles in den Sinn kommt, so ist „Music, Fashion, Film“ eine Bestandsaufnahme, was Charli als ihrer Bedeutung bewusste Künstlerin und Stil-Ikone unter den Prämissen eines veränderten Selbstverständnisses und einer weiter verschlimmerten Weltlage in den Sinn kommt.

Freiheit durch die Kamera

Dabei arbeitet sie die drei Schwerpunktthemen nicht ungeschickt in die Texte ein: Musik wird auf quasi-programmatische Weise im bereits erwähnten „Rock Musik“ und als bereits nostalgisch anmutende Erinnerung an Charlis eigene Anfänge in „2007“ behandelt. Aber auch das beliebte Klischee, dass leidende Künstler bessere Musik machen (und sich als Ausgleich fürs Leiden auch mehr herausnehmen dürfen), wird aufgeworfen: „All this pain makes me believe I’m a better artist now / An excuse I tell myself to act selfishly“.

Mode kommt erstaunlich schlecht weg – im Kontext eines exzessiven Einkaufsrauschs etwa, oder als glänzende Hülle für ein schlechtes Gewissen wegen Untätigkeit gegen die Übel der Welt: „Can’t hide the fact I’d rather takе the easy road / Yeah, I think I’ll be alright if I look good in the clothes“.

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Irgendwo antithetisch dazu wittert Charli XCX im Film ein mögliches Werkzeug persönlicher Emanzipation. Denn die Kamera eröffne ihr, wie sie in „Camera“ singt, Möglichkeiten, die ihr sonst (offensichtlich) verwehrt sind: häßlich zu sein, sich völlig daneben zu benehmen. „I don’t feel embarrassed even if I suck / I’m always craving an experience that feels dangerous / And maybe this is it, maybe it’s what I need / ‘Cause it’s the only way to feel like I’m not actually me“ lauten die in letzter Konsequenz allerdings desillusionierenden Schlusszeilen des Songs.

Kaum zu glauben übrigens, bei all der exzessiven – und fraglos nicht über alle Einwände erhabenen – Ich-Bezogenheit, dass es auch Tracks gibt, in denen es um andere geht. „Magic Metal Montana“ ist eine Liebeserklärung an A.G. Cook, der zusammen mit Finn Keane „Music Fashion Film“ produziert und ungefähr die Hälfte der Songs mitgeschrieben hat (während Keane bei allen 11 als Co-Autor dabei war) und wie dieser schon lange mit ihr zusammenarbeitet. „Drink some whiskey, but not really / You don’t drink, so I’ll drink for two“ heißt es da neckisch.

In „Persona“ befasst sich Charli XCX mit einem narzisstischen Künstler-Charakter – ob männlich oder weiblich, bleibt unklar – der zwar eingestandenermaßen Ähnlichkeiten mit ihr selbst hat, aber eindeutig nicht als ihr Alter Ego zu verstehen ist, und bestellt ihm Nettigkeiten wie „Don’t fucking choke on your ego when you see me coming“.

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Musikalisch hat Charli XCX den Hyper-Pop von „Brat“ weit hinter sich gelassen. Wie ja schon der Einstieg klarmacht, dominiert hier Rockmusik in Form einfacher, oft verzerrter Gitarren-Riffs.
Dennoch eignet der Platte auch eine sehr elektronische Anmutung, denn Mischpult, Computer und Produktions-Software waren eindeutig die wichtigsten Instrumente bei ihrer Fertigung. Basische Riffs wurden verfremdet, Störgeräusche eingebaut, Charlis eigentümlich lakonische Stimme mit Echos ihrer selbst unterlegt.
So weckt die metallisch-harte, ungemütliche Ausstrahlung des Sounds Assoziationen zum kurzfristig gehypten, heute praktisch schon wieder vergessenen transsexuellen Verwandlungskünstler Yves Tumor. Das ist nicht der gern treuherzig zitierte „ehrliche Rock“, sondern abgefeimt produzierter, sophistischer High-Energy-Rock.

Herausragend: Das melodisch schöne „SS 26“, in seiner poppigen Beschwingtheit eher ein Ausreißer, das düstere „I´m Afraid“ mit (buchstäblich) unheimlich tiefem, hallendem Bass und schneidenden Gitarren, und das abschließende „No One Lasts Forever“, eine Meditation über Vergänglichkeit und die Segnungen des Vergessenwerdens mit einer finalen Spoken-Word-Performance des 83jähigen Film-Regisseurs David Cronenberg, die gerade wegen ihrer schier endlosen Länge und Monotonie eine geisterhafte Aura verströmt.

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Charli XCX: Music, Fashion, Film (Atlantic)

Sich zu spüren, überhaupt etwas zu spüren, das ist ein großes Thema für Charli XCX. Besonders bei „Music, Fashion, Film“.