Latent durchgeknallt
Beim Wiener Label Siluh Records veröffentlichen The Homesick, niederländische Band mit Sub-Pop-Vergangenheit, ihr agitiertes neues Album „What’s Up With All These Shangri-Las“.

The Homesick: What's Up With All These Shangri-Las (Siluh Records)
Legionäre, die wir aus schon genannten Gründen für „uns“ reklamieren: The Homesick sind Niederländer, veröffentlichen aber ihr neues und viertes Album „What’s Up With All These Shangri-Las“ bei Siluh Records.
Nur um die Maßstäbe etwas zu explizieren: Ihren zweiten Longplayer „The Big Exercise“ (2020) haben The Homesick bei Sub Pop herausgescheibt. „Ehemals Sub Pop, jetzt Art-Pop“ beschreibt ihr aktuelles Label flockig die Entwicklung des Trios aus Dokkum, einem 12.000-Seelen-Städtchen aus dem Norden Hollands.
Mit Art-Pop hat es zweifellos seine Richtigkeit. Aber das sagt nicht übertrieben viel. Das genuin signifikante Merkmal von The Homesick ist vielmehr ein latenter Hang zu Verrücktheit und Durchgeknalltheit, den das englische Wort „loose“ so treffend bezeichnet.
So was ist heute, bei Licht besehen, nur mehr (bedauernswert) selten anzutreffen, und rückt The Homesick geradezu apodiktisch in eine gewisse Nähe zu leicht angeschrägten Bands wie das australische Indie-Dance-Ensemble Architecture In Helsinki: Permanent scheinen Stimmen bereit zum (exaltierten/ekstatischen) Überschlag, hasten Beats aus der Spur, zischt und quäkt es quer durch die Texturen.
Die Songtitel sagen ihren Teil über die hinter solcher Musik stehende Disposition: „Policelessness“, „Humdrum“, „Love off the Leash“, „Horse Alone“. Und natürlich „Esperanto“, ein extra-hektisches Prachtstück mit panisch wimmernden Synths und einer Rhythmik, die anmutet wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen.
An sich kommen The Homesick, wie so viele Indie-Bands, vom Post-Punk. Doch haben sie im Laufe der neun Jahre seit ihrem LP-Debüt „Youth Hunt“ ihre Musik verschlankt. „What’s Up With All These Shangri-Las“ kommt nun ohne Gitarren aus – scheint dabei aber auf Musiken zu referieren, wo solche eine nicht völlig unwichtige Rolle spielen – die Talking Heads etwa, oder die B-52´s, bisweilen sogar Duran Duran zur Zeit von „The Reflex“.
Von kräftigem Bass und versatilen Drums unterfüttert und durch notorisch outrierten Gesang befeuert, führt diese Herangehensweise zu einer Art elektronischer Tanz-Musik, die zu organisch und artsy ist, um dem zu entsprechen, was wir landläufig unter Electro-Pop verstehen, dafür aber – die oben zitierten Namen indizieren es schon – Berührungspunkte mit der New Wave der späten 70er und frühen 80er hat. Dass die einzelnen Teile oft nicht zueinander passen wollen – genau das macht den Reiz dieser Musik aus.

Gastarbeiter aus den Niederlanden: The Homesick (© Danny Griffioen)

The Homesick: What's Up With All These Shangri-Las (Siluh Records)



