Der Geist der Wüste

In der Mojave-Wüste im Südwesten der USA hat die hochgeschätzte kalifornische Sängerin und Songwriterin Kathryn Mohr ihr zweites Album „Carve" aufgenommen. Schroff, minimalistisch, herausfordernd klingt der Lebensraum in der Musik wider.

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4. Mai 2026

Kathryn Mohr: Carve (The Flenser)

Die Mojave– (oder auch Mohave-)Wüste erstreckt sich über ca. 113.000 Quadratkilometern von Kalifornien bis in den Süden Nevadas, den Südwesten Utahs und den Nordwesten Arizonas. Im Westen wird sie von der San-Andreas- und der Garlock-Verwerfung begrenzt. Ihr Name leitet sich von dem indigenen Volksstamm der Mojave ab, die zu den Fluss-Yuma gehören.
Die Stammesbezeichnung ist eine Verfremdung des ursprünglichen Pipa Aha Makav, was Volk entlang des Flusses bedeutet, also Volk am Colorado River, der im Osten der Wüste verläuft. Als Wahrzeichen der Wüste gilt der erloschene Vulkan Amboy Crater.

Unweit der heute hier verlaufenden Interstate 15 wurde aufgrund des Silberbergbaus 1881 die Stadt Calico gegründet, die mittlerweile eine Geisterstadt ist. 1972 veröffentlichten Kenny Rogers and the First Edition die von Michael Murphy und Larry Cansler komponierte Hommage „The Ballad of Calico“ an die Menschen, die ehedem Calico bewohnten.

Inspiration war die Wüste aber nicht nur für das Country-Genre. In ihr befindet sich auch das Death Valley, eine der trockensten Gegenden der Erde und mit zeitweise über 50° C eine der heißesten Orte sowie mit knapp 86 Metern unter dem Meeresspiegel der tiefste Punkt Nordamerikas. Diesen unwirtlichen Ort besangen Sonic Youth und Lydia Lunch mit „Death Valley 69“, ein Song, der auf die Tate-LaBianca-Morde durch die Manson Family im August 1969 anspielt. Im Oktober 1969 wurden Manson und Mitglieder seiner Family auf der Barker-Ranch im Death Valley festgenommen.

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Da die Wüste von Gebirgen umgeben ist, an denen sich Wolken stauen und abregnen, gibt es in ihr eine rege Vegetation. So wächst hier zahlreich die Josua-Palmlinie, auch „Joshua Tree“ genannt. U2 betitelten 1987 ihr fünftes Album „The Joshua Tree“ und ließen sich für das Cover in der Wüste von Regisseur und Fotograf Anton Corbijn ablichten.

Freiwillige Isolation

Dieses Mosaik aus zufälligen Bezügen bildet eine komplexe Folie für das neue Album von Kathryn Mohr, das sie in der Mojave-Wüste einspielte.
Schon für ihr Debutalbum, das Anfang letzten Jahres erschien, suchte Mohr sich einen ungewöhnlichen Aufnahmeort. „Waiting Room“ wurde in einer nicht mehr im Gebrauch befindlichen Fischfabrik in Stöðvarfjörðurim im Osten Islands aufgenommen. Diese freiwillige Isolation, ein Kontrast zu ihrem Wohnort Oakland in der San Francisco Bay Area, prägte einen Klang aus Disruption und Melancholie. Stimmungsmäßig erinnert sie bei den ruhigeren Passagen an ihre Label-Kollegin Midwife, was kein Zufall sein dürfte. Denn nach ihrer ersten EP „As If“ (2020), ein Dialog zwischen Mohr und einem analogen Sythesizer auf einem leeren Parkplatz, erhielt sie bei ihrer zweiten EP „Holly“ (2022) klangbildprägende Unterstützung von Madeline Johnstone aka Midwife.

Kathryn Mohr (@ The Flenser)

Ihre Tour im letzten Jahr führte sie im Juni auch in das Más o Menos, ein Lokal in Joshua Tree am Rande des Nationalparks, wo sie mit der Doom-Band Oldest Sea auftrat. In Anschluss erkundete sie die Wüste, die zum nächsten Ort der Isolation für die Einspielung ihrer Songs werden sollte, die über einen Zeitraum von fünf Jahren entstanden sind.

Gemixt wurde das neue Album von Richard Chowenhill (Agriculture). „Carve“ gibt sich schroff, reduziert, fast minimalistisch. Gleichwohl schimmert eine Nähe zur frühen PJ Harvey durch das Dickicht aus Gitarrensound, Field Recordings und Mohrs Stimme. Ihr Gesang wird oftmals verdoppelt, als führe sie einen Dialog mit sich selbst. Dabei erzeugt sie zuweilen geisterhaft magische Momente („Owner“).

Thematisch geht es um Liebe als Trauerarbeit, um Entfremdung und Distanz. Beinahe psychoanalytisch wird in „Owner“ über die Tragödie des Imaginären reflektiert: „I suffer the weight of a life I could not have“; an anderer Stelle wird der Schmerz zum Halt der Existenz: „I’m suffering the pain it’s all I have“ („Idiocy“).
Oder die Entfremdung wird physisch am eigenen Leib erfahren: „Me and me like mud and water/I’m trapped inside somebody’s daughter“ („I Do“).
In „Chromium 6“ – eines von drei „Instrumentalstücken“ – erobern Tiere den – vermutlich nächtlichen – Raum. Der Titel des eher meditativen Albums ist Programm: Überall wird geschnitten und zerstückelt, werden aber auch neue Wege erkundet. Mohr ist ein Folkalbum gelungen, durch das der Geist und die Laute der Wüste wehen.

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Kathryn Mohr: Carve (The Flenser)

Der Titel des Albums ist Programm: Überall wird geschnitten und zerstückelt, werden aber auch neue Wege erkundet.