Was Sie eher nicht über Sex wissen wollten
Das Thema Nr.1 dominiert inhaltlich das neue Album des walisischen Post-Punk- und Power-Pop-Duos The Bug Club - auf eine Weise, dass man nicht dabei (gewesen) sein möchte.

The Bug Club: Every Single Muscle (Sub Pop)
Es gibt gewichtige Stimmen, die dem hiesigen Diskurs über Pop eine überproportionale Gewichtung der Inhalte anlasten. Gerald Schmickl etwa hat auf diesem Portal kundgetan, dass seiner Meinung nach Songtexte überschätzt würden. Aber auch der kürzlich mit dem Österreichischen Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst geadelte Autor, Journalist, Kulturarbeiter und Pop-Experte Thomas Mießgang hat in mehreren Gesprächen eine unverhältnismäßige Fokussierung auf die Inhalte kritisiert.
Die gibt es und gab es allerdings schon immer. Schreckliche Erinnerungen an und um Frank Zappa werden da wach: An Zappa-Anhörungen in der Gruppe, die viel mehr Zappa-Vorlesungen waren. Wo ein ausgebildeter Experte – ein Zappaologe – mit erhobenem Zeigefinger und unter lautem Vorsagen Aufmerksamkeit für einen Wortwitz oder eine Schlüpfrigkeit einforderte (und damit notabene von den behänden Wendungen der Musik und Zappas Gitarre ablenkte).
Aber auch bei Künstlern wie Bob Dylan, Neil Young oder Tom Waits ist seit jeher ein großer Teil der Auseinandersetzung über die Texte bestritten worden.
In unseren Breiten verführt insbesondere das stark angewachsene Segment deutschsprachiger Pop-Produktion zur Konzentration auf den Text. Es muss dazu allerdings auch vermerkt werden, dass einer seiner maßgeblichen Wegbereiter diese Tendenz sogar explizit forciert hat: Nicht umsonst trägt Jonas Engelmanns famoses Buch über die Hamburger Schule (wie auch der Soundtrack dazu) den Titel „Der Text ist meine Party“*.
Um es in angemessener Kürze auf den Punkt zu bringen: Verwerflich ist in Pop-Diskursen das Anklammern an die Texte dann, wenn Meinungsmachern/-verstärkern – mangels Verständigkeit und verfügbaren Vokabulars über Machart, Produktionsweise, Ausstrahlung, Anmutung (…) der Musik – nichts anderes zu einem Werk einfällt.
Wenn sich allerdings der Text von selbst ins Zentrum der Aufmerksamkeit drängt, kann, darf er gar nicht ignoriert werden.
Das gilt, auch wenn uns das global dominante Englisch bestens vertraut ist, umso stärker bei Platten, die nicht in der Muttersprache vermittelt werden.
Und damit sind wir endlich bei The Bug Club. Dem Act übrigens, der bisher am häufigsten auf dieser seit etwas mehr als zwei Jahren bestehenden Plattform besprochen worden ist.
Diese Geschichte ist nämlich bereits die dritte über den Bug Club nach den Rezensionen zu „On the Intricate Inner Workings of the System“ (2024) und „Very Human Features“ (2025).
Platten über die Conditio humana
„Every Single Muscle“, das neueste abendfüllende Elaborat des walisischen Duos, ist dessen drittes innerhalb von zwei Jahren, das ebensovielte beim renommierten US-Indie-Label Sub Pop, und das fünfte seit dem Debüt „Green Dream In F#“ von 2022. Dazu stehen ergänzend ein Live-Album und drei EPs. Untätig ist das von wechselnden Schlagzeugern unterstützte Songwriter-Doppel Sam Willmett (Stimme, Gitarre) and Tilly Harris (Stimme, Bass) die Jahre über also gewiss nicht gewesen, auch wenn ein Text auf dem neuen Album das auf perfid-satirische Weise nahelegt.
Wie die anderen Sub Pop-LPs des Bug Club auch hat „Every Single Muscle“ mit der Conditio humana und und ihren zeittypischen Absurditäten zu tun. In einem spezifischen Sinn ist „Every Single Muscle“ aber wesentlich zugespitzter: Es geht hier nämlich viel um… Sex.
Ja, tatsächlich, man scheut hier ein wenig davor zurück, dieses Wort, das das hoffnungslos ausgereizteste Tabu unserer Tage bezeichnet, auszusprechen bzw. niederzuschreiben. Natürlich nicht aus Schamgefühl – beziehungsweise: DOCH! GENAU DESWEGEN!
Man schämt sich nämlich mit den und für die involvierten Figuren, wenn ihnen der Plan und offensichtlich auch die Lust fehlt, den Akt zu vollziehen, und fühlt sich an anderer Stelle peinlich berührt über Auswüchse an Narzissmus und Oversexism.
Da stehen etwa ein Mann und eine Frau, die sich noch nicht einmal umarmt haben und keinen Schimmer haben, was sie mit dem Körper des** anderen anfangen sollen, nackt voreinander. Versuch, nicht auf meine Hoden und meinen Penis zu starren, sagt er. Versuch, nicht auf meine Vagina und Brüste zu starren, sagt sie. Sag mir doch, wohin ich schauen soll, auf was ich mich konzentrieren soll, was ich falsch mache, sagen sie beide.
Das gleiche Motiv taucht dann noch einmal auf; beide sind nackt und haben keinen Schimmer, was sie mit dem Körper des** anderen anfangen sollen. Doch dann driftet das Ganze in kunstgewerbliche Ironie ab: „You’re pretty as a magazine / And if God made me in his image / He must’ve been a beauty queen / That’s blasphemy / That’s blasphemy / I’m sorry but it rhymes“.
Wenn Willmett, der Mann also, provokant bemerkt, „I’ve never seen your penis / So how can we be friends?“ oder wenn beide proklamieren „I’m a big boy now don’t you tell me how to do it / How to do it how to do it right / I’m a big girl now don’t you tell me how to do it / How to do it how to do it right“ – werden Anmaßungen und vermeintliche Selbstsicherheit zu hohler und letztendlich trauriger Mimikry.
Über das Musikmachen
Es zieht sich neben Sex indes noch ein anderer starker Strang durch „Every Single Muscle“. Und dieser korrespondiert unmittelbar mit der Musik.
Es wird hier nämlich oft der Prozess des Musikmachens selbst thematisiert – und manchmal, wie es scheint, auch unmittelbar veranschaulicht. Das heißt, manche Stücke tun so, als würden sie gerade erst entworfen werden.
Zwei Mal fragt Willmett, ob er nun sein Solo spielen dürfe. Das erste Mal, in „It´s A Good Day For Dying“, werden ihm dazu 2 Sekunden eingeräumt. Im grobschlächtigen „Semi-Automatic“ ist das Solo wesentlich länger und von ausgesuchter Scheußlichkeit, in der alles, was es an Gitarrenquäler-Allüren (aufjaulende Hochtöner, Verzerrungen etc.) gibt, versenkt ist.
In „Shiny And Wet“ fragt Willmett erst gar nicht, sondern tastet sich – unbegleitet – wie ein Anfänger, der gerade die ersten zusammenhängenden Töne entdeckt, über das Griffbrett.
Wenn Uwe Schütte zum aktuellen Laibach-Album die Mutmaßung in den Raum stellt, hier werde der geist-, herz- und gesichtslosen Musikproduktion von heute durch originalgetreue Reproduktion ein Spiegel vorgehalten, so tut der Bug Club womöglich das Gleiche mit dem Genre Rockmusik. Das Sex-Thema passt da ja gut ins Bild. Oder auch die glänzende Satire „It´s Our Manager David“, in dem latent arbeitsunwillige Musikanten den Ehrgeiz ihres Managers konterkarieren.

The Bug Club: Sam Willmett, Tilly Harris (© Adam Whitemoreis)
Im Endeffekt muss aber doch festgestellt werden, dass die stärksten Momente der Platte dort liegen, wo der Bug Club nicht nur Klischees und Manierismen aufs Korn nimmt, sondern seine Mixtur aus Power-Pop, Hardrock, Punk und Postpunk in kurzen, melodiestarken Songs zu konzentrieren weiß, die aus dem Kontrast zwischen Willmetts autoritativem und Harris´ irgendwo zwischen naiv und lakonisch angelegtem Gesang sowohl Spannung als auch Charme beziehen.
* Jonas Engelmann: Der Text ist meine Party. eine Gesichte der Hamburger Schule, Ventil Verlag 2024
** Weibliche Form mitgemeint

The Bug Club: Every Single Muscle (Sub Pop)
Anmaßungen und vermeintliche Selbstsicherheit werden zu trauriger Mimikry.



