Es gibt Sinn in der Sinnleere

Konzentriert, energetisch und trotz stark pessimistischer Tendenz in den Inhalten sehr aufgeweckt überzeugt das New Yorker Duo youbet mit seinem unbetitelten neuen Album.

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8. Mai 2026

youbet: youbet (Hardly Art)

Es gibt Spielarten von Rockmusik, die das Totschlagargument von wegen hoffnungslos veraltet praktisch noch während des Aussprechens obsolet machen. Niemand würde es etwa bei Yves Tumor, um ein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit aufzugreifen, in Anschlag bringen.

Mit Yves Tumor haben youbet notabene nicht nur in der Affinität zu heftigen Gitarren und existenzialistischer inhaltlicher Schlagseite eine signifikante Gemeinsamkeit: So wie Yves Tumor-Inkarnation Sean Bowie ist auch youbet-Kopf Nick Llobet transsexuell bzw. nonbinär und wird in englischsprachigen Medien als „they“ referenziert (wir bleiben, ohne damit ein Statement gegen Transsexualität und Gendern abzugeben, beim „er“, das sein Label neben „sie“ [Mehrzahl] auch anbietet).

Im Unterschied zu den schrillen Inszenierungen Yves Tumors macht allerdings Llobet um seine Sexualität weder medial noch optisch besonders Aufhebens und sieht ziemlich nach dem aus, was der Volksmund unter einem „normalen Mann“ versteht.

Er verdingt sich auch in einem denkbar unscheinbaren Brotberuf: Als Gitarrenlehrer. Und laut dem tatsächlich lesenswerten Waschzettel seines Labels Hardly Art (eine Art Sub-Label von Sub Pop) versieht er diese Tätigkeit tätsächlich mit Affekt und Hingabe.
„Ich bin ein permanenter Student des Lebens“ sagt er. „Ich erkenne die kreativen Angststörungen in Menschen, denn ich habe sie selbst erlebt. Das ist therapeutisch wichtig, denn ich kann aus meinen eigenen Fehlschlägen heraus Leuten stichhaltigen Rat geben“.

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Llobets Gitarrenspiel – das er also nicht nur als Künstler, sondern auch als Didakt weitergibt – ist reich an Facetten, Ober-, Unter- und Nebentönen. Oft verzerrt und bisweilen dissonant, aber auch nicht ohne raue Eleganz, scheint es öfters Nuancen zu übernehmen, die seine hohe, feminine, gleichwohl durchaus kräftige und selbstbewusste Stimme nicht geben kann, oder – wie es eher den Anschein hat – bewusst offenlässt: als Ergänzung zu Wort und Stimme also. Ohne dass der Musik besonders chaotische Strukturen zugrundelägen, wird solchermaßen der Eindruck eines Gefühlschaos generiert.

Für ein solches braucht es heutzutage bekanntlich nicht viel – ein Blick in den Fernseher oder auf Nachrichten-Webseiten genügt. Bei youbet löst insbesondere der Gaza-Konflikt, den sie als Völkermord verstehen, Bedrückung aus.
Krankheiten (Long Covid) und Beziehungs-Dramen haben ihre maßgeblichen Beiträge zu physischen wie psychischen Beeinträchtigungen geleistet. Während des Werdens der dieser Tage erschienenen, unbetitelten dritten youbet-Platte hatte Llobet den Bruch einer 13 Jahre währenden Partnerschaft zu verkraften.

Vom Schlafzimmer-Projekt zur richtigen Band

Anfangs war youbet das klassische solitäre Schlafzimmer-Projekt des Nick Llobet, der 2013 von Denver nach New York übersiedelt war. Als 2022 Bassistin Micah Prussack dazustieß, entwuchs der wechselseitigen musikalischen Kommunikation eine echte Band, deren erweitertes Line-up Zuwachs durch Keyboarderin Katie von Schleicher und Drummer Julian Fader erhält, die beide übrigens auf dem neuen Album als Co-Producer angegeben sind.

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My death has come“ sind die Worte, mit denen Llobet den Longplayer eröffnet: „Ground Kiss“ behandelt eben den Bruch von Llobets langjähriger Beziehung und den Versuch, wieder auf die Beine zu kommen. Musikalisch inszeniert ist das als Wechselspiel von melodiösem Gesang, rhythmischer Anspannung bei niedrigem Tempo und eruptiven Gitarrengewittern.

Diese formieren und entladen sich noch heftiger im nachfolgenden, schnellen „Break Thru“, in dem Llobet gesanglich ein wenig an Courtney Love anklingt – und treiben, das rein akustische „Nadia“ ausgenommen, eigentlich in so gut wie jedem Song ihr mehr oder weniger ohrenbetäubendes Unwesen.

Was es ausmacht, ist der Kontext, in den sie eingebunden sind und – siehe oben – ihre Interaktion mit Llobets charismatischer Zwitter-Stimme: Bei „Undefined“ wie auch dem abschließendem „Bad Choice“ ist ihr Rahmen eine schöne, beschwörende Ballade, in „Worship“ ein Pop-Song von lupenreinem Klassiker-Format. „Receive“ ist ein eigentümlich leichtfüßiger Speed-Hammer, der vielleicht den frühen (noch nicht ganz so verraunzten) Dinosaur jr. gut angestanden hätte, während das magnifiziente „Fertile EyesRadiohead in einer fiktiven Zwischenstufe zwischen „The Bends“ und „OK Computer“ sein könnte.

Micah Prussack, Nick Llobet (© Eleanor Petry)

Die inhaltliche Tendenz ist schon mit dem Opener „Ground Kiss“ vorgegeben. Metaphern, Zeilen und Sätze bzw. Satz-Fragmente lassen keine Fragen über die Grundstimmung offen: „Nobody will release me“. „The rising cost of my life“. „There’s no tongue to express / How a soul can possess / Such an ugly glow“. „Waking death I’m wide awake / Lifeless rest and drift away“. „Dry land is all I see / This land is desert to me“. „I’m nothing / I am nothing“. „I’m already happy / I’m learning to smile / Cuz I left my baby / Down in a fire.“
Oder, besonders schön: „You see the falling stars behind me / Like lightening“.

Schlüssige Narrative sind aus diesen Bildern freilich kaum abzuleiten. Mögliche Aussagen erreichen maximal den Zustand rudimentärer Skizzenhaftigkeit.
Wo es langgeht, zeigt vielmehr die Musik, in der sich Energie konzentriert und die Lärm, Dissonanzen und komplexe Teile in eine intelligente Struktur bindet. Gewissermaßen das Element, das Sinn macht in dieser sinnentleert scheinenden Welt.

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youbet: youbet (Hardly Art)

Die Gitarrengewitter entladen sich in fast jedem Song. Faszinierend ist die Unterscheidlihckeit der Songs, in denen sie das tun.