Radio-Schrott aus der Provinzdisco

Auf paradoxe Weise besser denn je: Laibach halten auf dem programmatisch schlechten Album „Musick“ der gegenwärtigen Pop-Industrie clever den Spiegel vor.

Von
6. Mai 2026

Laibach: Musick (Mute / PIAS)

Laibach, und ist das nicht erstaunlich, vermögen selbst in der fünften Dekade ihrer Existenz als musikalisches Kunstprojekt zu überraschen, zu erstaunen, zu irritieren. Und dies nicht zuletzt aufgrund der unberechenbaren stilistischen wie thematischen Kehrtwenden, welche die Truppe aus dem slowenischen Trbovlje mit unverändert unbändiger Innovationsfreude vollzieht.
So erschienen seit 2020 neben der umfangreichen Box „Laibach Revisited“ mit frühen Archivaufnahmen wie Neuinterpretationen des alten Materials ebenso die Bühnenmusik zu „Wir sind das Volk“, einer Theaterproduktion am Berliner HAU von 2022, sowie das Mammutprojekt „Alamut“ von 2025 mit einem persisch-slowenischen Orchester, das im Stile der Neuen Klassik eine symphonische Adaption des Romans „Alamut“ vom slowenischen Nationaldichter Vladimir Bartol bietet, in dem die Entstehungsgeschichte des Ordens der Assassinen erzählt wird.

For privacy reasons YouTube needs your permission to be loaded. For more details, please see our Datenschutzerklärung.

Nach diesem hochkulturellen Ausflug in die Orchestermusik sind Laibach nun 2026 zurück in den Niederungen des Pop mit ihrem ersten konventionellen Studioalbum seit zwölf Jahren. Es trägt den genialen Titel „Musick“, denn just dies ist der erste Eindruck, spielt man die Platte an: Man bekommt zu hören, wie krank die gegenwärtige Popmusik ist. Polierter Hochglanzsound, seelenlose Maschinenbeats, grauenhafte Auto-Tune-Vocals – lauter Songs, die wie Dutzendware aus den Popcharts klingen, dazu sinnleere Texte voller Klischees, kurzum: kulturindustrieller Radio-Schrott, der in der Provinzdisco wie im städtischen Swingerclub den Soundtrack einer dank erbärmlicher Populisten wie Putin, Trump oder Kickl erkrankten Welt liefert.

„I am sick of music“

Zurück in den Niederungen des Pop: das slowenische Kunstprojekt Laibach (c) Nika H. Praper & Ludvik

Doch bei „Musick“ ist eben doch nicht alles so, wie es auf den ersten Höreindruck scheint. Laibach sind ja clever: Sie kritisieren den maroden Zustand der Musikindustrie des Jahres 2026, indem man all der stumpfen Musik, die inzwischen dank algorithmischer Tricks und KI-Systemen die Streamingplattformen überschwemmt, den Spiegel vorhält; also indem man auf „Musick“ just solche Songs versammelt, die nach demselben Muster angefertigt wurden. Wie etwa im Titelstück, dessen Text dümmste Pop-Tropen versammelt: Phrasen wie „Music is the food of love“ oder „Music makes you high when you are low“, die zu einer maximalistischen Produktion erklingen, in der analoge Synthesizer, Drummachines, synthetische Streicher und dergleichen mehr erklingen. Alles schrecklich anzuhören, bis Laibach-Sänger Milan Fras am Ende, in bester dialektischer Wendung, feststellt, was man sich als Hörer die ganze Zeit denkt: „I am sick of music“.

Zahllose Pop-Zitate

Selbstredend glänzen Laibach auch auf diesem Album durch das Einschmuggeln zahlloser Zitate aus der Geschichte der Popmusik. Am erkennbarsten im Kraftwerk-Pastiche „Love Machine“, das sich musikalisch wie stilistisch an deren Schlüsselsong „Mensch-Maschine“ anlehnt, um dann daran zu erinnern, wohin uns das Zeitalter künstlicher Intelligenz und unmenschlicher Roboterstimmen geführt hat, nämlich in die fatale Verwandlung der Welt in eine „war machine“. An anderen Stellen blitzen Erinnerungen an die Songs von Jennifer Rush auf, dann wieder erklingt eine Referenz auf „Kung Fu Fighting“ von Carl Douglas.

For privacy reasons YouTube needs your permission to be loaded. For more details, please see our Datenschutzerklärung.

Nicht zuletzt dank der tätigen Mithilfe des legendären Elektropop-Produzenten Richard X (Sugababes, Goldfrapp, New Order) ist Laibach auf „Musick“ ein akustisches Panorama einer künstlerisch dahinsiechenden Gegenwartsmusik gelungen, das vom 90er-Jahre-Eurodance bis zu K-Pop und J-Pop reicht – und was sich sonst noch so an zeitgenössischen Sounds in den Charts tummelt.
Paradigmatisch für diesen Stilmix einer vom Algorithmus bestimmten Musik ist der vorletzte Track, „Allgorhythm“, der freilich zugleich vorführt, was Ivan Novak, der konzeptionelle Kopf der Gruppe, gerne als Motto von Laibach zum Besten gibt: „When we are good, we are good. When we are bad, we are even better“. So betrachtet sind Laibach auf dem schrecklich-schönen „Musick“ – wieder mal – besser denn je.

Live sind Laibach am 18. Mai in Graz (Orpheum) und am 4. Juni in Klagenfurt (Burghof) zu sehen & zu hören.

Laibach: Musick (Mute / PIAS)

Man bekommt auf „Musick“ zu hören, wie krank die gegenwärtige Popmusik ist: polierter Hochglanzsound, seelenlose Maschinen- beats, grauenhafte Auto-Tune-Vocals...