Endzeitballaden in Schattenrüstung

Mehr Projekt als Band, dafür enorm produktiv: Die britisch-schwedischen Crippled Black Phoenix durchkreuzen viele Rock-Genres und kommen mit ihrem neuen wuchtigen Album „Sceaduhelm“ in die Wiener Arena.

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6. Mai 2026

Crippled Black Phoenix: Sceaduhelm (Season of Mist)

Ja, was denn nun? Hier eine nicht gerade kleine Auswahl an Etiketten, die der Musik der britisch-schwedischen Band Crippled Black Phoenix seit ihren Anfängen 2004 angeheftet wurden: New Artrock, Progressive Rock, Post-Rock, Alternative Rock, Stoner Doom, Psychedelic Doom, Space Rock, Psychedelic Rock und Folk-Rock. Die Band selbst hat noch Stoner Prog und Freak Folk im Angebot, und ihr Label (das den schönen Namen „Season of Mist“ trägt) prunkt mit so schönen Neuschöpfungen wie Macabre Rock und Progressive Post Rock. Angesichts dieser Fülle scheint es reichlich sinnlos, die Musik dieser Band einem Genre zuordnen zu wollen.

Kleine Besetzung, viele Gastmusiker

Und eine wirkliche Band sind CBP eigentlich auch nicht: Mastermind ist Justin Greaves, der früher einmal vornehmlich Schlagzeug spielte, inzwischen aber meistens an der Gitarre zu finden ist, daneben gibt es ein paar permanentere Mitglieder wie die Sängerin Belinda Kordic, Helen Stanley (Gesang und Keyboards) und Andy Taylor (Gitarre). Am längsten aber ist die Liste der ehemaligen Bandmitglieder. Und die Alben werden oft in kleiner Besetzung eingespielt (wobei Greaves meist mehrere Instrumente beisteuert), was zur Folge hat, dass für Liveauftritte (wie demnächst in der Wiener Arena) stets einige Gastmusiker engagiert werden müssen – und so manche Songs vor Publikum gar nicht gespielt werden können.

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Also: Musikrichtung unklar, mehr Projekt als Band, dafür enorm produktiv. Das aktuelle Album „Sceaduhelm“ (was das bedeutet, ist ebenfalls unklar, vielleicht meint es unter Rückgriff auf das Altenglische einen „Schattenhelm“ oder eine „Schattenrüstung“, aber Aduhelm ist auch ein Alzheimer-Medikament; finster jedenfalls klingt es, und entsprechend sieht auch das Cover aus) ist jedenfalls das zwölfte Studioalbum seit dem Debüt „A Love of Shared Disasters“ (2007), dazu gibt es noch jede Menge gar nicht so kurze EPs und ein paar wenige Live-Alben. Sie alle tendieren textlich und musikalisch zur eher düsteren, „schattigen“ Seite; „endtime ballads“ nennt Greaves selbst seine Songs, wobei die Balladen oft mit recht wenig Lyrics auskommen und sich gerne in ausufernden Instrumentalpassagen verlieren.
Pink Floyd waren mit Sicherheit einer der prägenden Einflüsse; auf der EP „New Dark Age“ findet sich eine fast vierzigminütige Coverversion des Pink-Floyd-Klassikers „Echoes“. Wie überhaupt die Zahl der Songs, die sich länger als zehn Minuten hinziehen, bemerkenswert hoch ist.

Finstere Geister der Vergangenheit

Crippled Black Phoenix mit Mastermind Justin Greaves (l.) (c) Season Of Mist

Womit wir beim neuen Album wären: Hier ist das ausgiebigste Stück mit dem CBP-typischen Titel „Beautiful Destroyer“ bescheidene achteinhalb Minuten lang und eine typische Endzeitballade: Nach einem Spoken-Word-Intro folgt eine längere wuchtige, zugleich schleppende Instrumentalstrecke, ehe nach drei Minuten düsterer Gesang einsetzt (wobei der Sänger Ryan Patterson stark nach den Sisters of Mercy klingt), der sich dann im Wechsel mit mal ruhigeren, mal metalligeren Gitarrenparts dem hymnischen Ende entgegenschwingt. Großartiger Abschluss eines Albums, das insgesamt erstaunlich „heavy“ daherkommt.

Nach dem seltsam verspielten Opener „One Man Wall of Death“ folgt mit „Ravenettes“ ein richtiger Kracher: treibender Gitarrensound, dazu die wunderbare Stimme von Belinda Kordic, die von finsteren Geistern der Vergangenheit und einem „glitch in the timeline“ singt. Nach einer kurzen „Abkühlung“ folgt dann mit „No Epitaph/The Precipice“ gleich ein weiterer strammer Achteinhalbminüter.

Abwechslungsreich ist dann auch der Rest, mit dem getragenen „Under the Eye“ als vorletztem Höhepunkt. „Tired to the Bone“ heißt der vorletzte Song, und von Müdigkeit, Erschöpfung, einer Vergangenheit, die nicht vergehen will und durch die Gegenwart geistert, ist oft die Rede in diesen Songs. Geschrieben wurden sie zwischen 2023 und 2025, und vielleicht könnte man den vielen Genres noch ein weiteres hinzufügen: Post-Corona-Doom. Musikalisch aber ist wenig von Erschöpfung zu spüren, CBP sind originell und vielseitig wie eh und je und legen wieder ein Album vor, das auch nach dem x-ten Hören immer noch neue Facetten offenbart.

Live am 12. Mai in der Wiener Arena.

Crippled Black Phoenix: Sceaduhelm (Season of Mist)

„Endtime ballads“ nennt CBP-Mastermind Justin Greaves seine Songs, wobei die Balladen oft mit wenig Lyrics auskommen und sich gerne in ausufernden Instrumentalpassagen verlieren.