Es ist vollbracht
Selten ist eine Platte gespannter erwartet worden: Zwei Jahre nach einer begeisternden Debüt-EP ist endlich das erste Full-Length-Album der britischen Band Ebbb erschienen. Es enttäuscht nicht und euphorisiert mit Anlauf.

Ebbb: Shallow Hits (Ninja Tune)
Während sich die Musikjournaille überschlug, das „Brat“-Album von Charli XCX samt seinen ungefähr 121 Special Editions und Remixes abzufeiern, erschien im Sommer 2024 eine EP, die irgendwie außerirdisch anmutete und deren erster Track auch passenderweise, deutsch im Original, „Himmel“ hieß.
Das war Musik, die Pop natürlich nicht neu erfunden hat, in dieser Form aber noch nie zu hören war: Engelschöre und allerschönste Melodien verbrüderten sich da so unabsehbar wie stimmig mit Techno-Rhythmen und flächigeren elektronischen Texturen, komplex strukturierten Schleifen aus Störgeräuschen und Dissonanzen und impressionistischen Zwischenspielen.
Man spürte, dass hier das Format des Mini-Albums, wie EPs früher oft bezeichnet worden sind, der Konzentration und nicht eines Mangels (an mehr Material) wegen als Veröffentlichungsform gewählt worden war.
Tatsächlich hatte sich das Londoner Trio Ebbb bereits einen Ruf als aufsehenerregender Live-Act erarbeitet, ehe es sich mit „All At Once“ erstmals in größerem, aber noch nicht ultimativem Umfang auf Platte präsentierte.
Und man spürte auch leise Bange: Ob eine Full-Length-LP mit der EP mithalten können würde. „Denn es scheint schlechtweg unmöglich (oder bedürfte eines wahrhaft himmlischen Kraftakts), das Niveau der EP über eine ganze LP zu halten“, haben wir uns damals gesorgt.
Nach einer Reihe weiterer, einfacher Singles, unter denen das flotte „Manners“ mit burleskem Synthie-Leitmotiv, Wechselspiel zwischen Computer- und echten Drums und fast freundlichem Gesang herausragte und zwei weitere bereits das bevorstehende Album ankündigten, gibt es nun tatsächlich Ebbb im abendfüllenden Format: „Shallow Hits“ heißt ihr erster Longplayer.
Er rechtfertigt die Erwartungen. Und bestätigt die Skepsis.
Sprich: Er ist – natürlich! – ein Ausnahmewerk und er ist als Ganzes nicht dermaßen umwerfend wie die EP.
Gleich zu Beginn kommt eine Überraschung in Form eines Akustik-Gitarren-Intros, über dem eine helle Stimme anhebt, um die eher düstere Perspektive eines Menschen zu schildern, der schlecht in den Tag findet. Der echte Hammer ist dann das Calypso-Motiv, das sich schaukelnd und mit Steel-Drum(-Imitat?) auf den Weg macht.
Sowas hätte man von Ebbb nicht erwartet.
Für oder gegen wen spricht das?
Chorknabengesang
Ebbb sind Elektroniker und Produzent Lev Ceylan, Sänger und Texter Will Rowland und Schlagzeuger Scott MacDonald. Ceylan stammt aus Deutschland und ist zu Studienzwecken nach London gegangen. MacDonald war ursprünglich nur für Konzerteinsätze vorgesehen, ist aber schnell zum Vollmitglied befördert worden.

Ebb: Lev Ceylan, Will Rowland, Scott MacDonald (© Holly Whitaker)
Rowland schließlich hat nicht nur sprichwörtlich eine Chorknaben-Stimme, sondern auch die entsprechende Ausbildung (in der Westminster Abbey Choir School, falls das jemanden interessiert).
Und tatsächlich klingt sein Tenor auch öfter, als es faktisch der Fall ist, nach Chorgesang. Das liegt zum einen logischerweise an den Möglichkeiten der Studiotechnik, zum anderen aber auch an der Biegsamkeit seines Organs, das an den äußeren, vor allem den hohen Rändern die Anmutung einer ergänzenden bzw. komplementären Stimme annehmen kann. Überdies setzt Rowland seine Stimme auch als zusätzliches Instrument ein.
Ist Ceylan vielleicht der Architekt und Baumeister der Musik (und MacDonald ihr Stützpfeiler), so ist Rowland der in ihr irrlichternde Geist, man könnte auch sagen, ihre Seele.
Das schwierig zu Fassende, das diese Charakteristik zum Ausdruck bringen will, findet sich auch in seinen Texten wieder, in denen sich recht realistische Szenarien mit kryptischen, lyrisch oft eindrucksvollen Metaphern vermischen – nicht selten im selben Song.
Im Titelstück „Shallow Hits“ wird zunächst eine Beziehung geschildert, in der ein Teil den anderen offensichtlich zurechtzustutzen, auf dem Boden zu halten bestrebt ist. Das mündet unkontextualisiert in einen Refrain voller toller catch phrases, von denen die den Song- und LP-Titel inkludierende Zeile „Shallow hits to your addiction“ notabene einen schönen Slogan abgäbe:
„Waterfalls and sell-out fiction, down the hall, the benediction / Resurrect her story arc and try to bring her back to life again / Stage a mock-up crucifixion, shallow hits to your addiction / Resurrect her story arc and try to bring her back to life.“
Der soziale Druck, die Schatten der Vergangenheit, und wie man mit diesen schwer greifbaren, sich einem schwebenden Schleier gleich permanent ändernden Lebensrealitäten umgeht: das ungefähr lässt sich als thematischer Fokus in Will Rowlands Inhalten ausmachen.
Wenn bei „All At Once“ dieses Schweben, Gleiten, bisweilen auch Taumeln, Stolpern, Schwanken noch musikalische Ab- und Vexierbilder fand und damit bei allem Noise und allen Dissonanzen eine eigentümlich fragile Grundstimmung schuf, so scheint es bei „Shallow Hits“ Prämisse gewesen zu sein, ihm einen robusten Klangkörper entgegenzustellen – also eine gewisse Gegenläufigkeit zwischen Text und Musik zu generieren.
Ein Schritt Richtung Synthi-Pop
Dass diese Entwicklung auch einen Schritt von der Quasi-Avantgarde Richtung Mitte – im weitesten Sinn Synthi-Pop – darstellt, ist im Prinzip nicht wirklich ein Problem – überzeugen tun die Stücke ja noch immer. Denn Ebbb wissen sich mit Ideen, Wendigkeit und Gewitztheit von Plattheiten und Klischees fernzuhalten.
„Home Ground“ etwa, eines der schon vorab ausgekoppelten Stücke, frappiert just mit der Einfachheit der eingesetzten Stilmittel und Akzente: Was als solide mit Drums und Synthie-Schüben grundierter Pop-Song über verschieden stark ausgeprägte Formen von Schuldbewusstsein und Fehlereinsicht beginnt, nimmt Dramatik an, als Rowland, begleitet von klassizistischem Gewaber, die Stimme hochfährt und dabei einmal mehr den Trugschluss evoziert, hier sei ein Chor am Werk.
Brillant ist Rowlands Einsatz auch im rhythmisch gebrochenen „Now You Know“ und im zügigen, ebenfalls von Breaks interpunktierten „Pander“.
Aber richtig euphorisierend wird „Shallow Hits“ erst um die Mitte: Im fast ein bisschen moralischen, zum Verlassen der Komfortzone appellierenden „Side On“ trifft sich Rowlands diesmal tatsächlich zum (geisterhaften) Chor vervielfältigte Stimme mit Drum & Bass-Geknatter und segelt, von Echos gefolgt, bei den Schlüsselzeilen wieder anstrengungslos in lichte Höhen: „Then all your dreams turn into dust“.
Von ähnlicher Güteklasse sind auch der vertrackte, inhaltlich bereits sezierte Titelsong, bei dem neben Rowlands gewohnt magnifizientem Gesang auch das aufgekratzte Synthi-Ending besticht, durchaus auch das etwas moderatere „Remedy“, sowie das hypnotisch-repetitive, von MacDonalds Knüppel-Drums geprägte „I‘m Not enough“.
Natürlich eine der Platten des Jahres, diese „seichten Hits“. Haben wir etwa zwischendurch leise Skepsis spüren lassen? Das ist das Los der ganz Großen. Dass bei ihnen in Frage gestellt wird, was bei anderen womöglich sogar als Fortschritt durchginge. Was wir hier praktizieren, ist Kritisieren auf hohem Niveau.

Ebbb: Shallow Hits (Ninja Tune)
Es scheint bei „Shallow Hits“ Prämisse gewesen zu sein, all das Unsichere, Schwankende, Taumelnde in den Inhalten mit einem robusten Klangkörper zu ummanteln.



