Frösche im Wohnzimmer

Die EP „For The Birds“ der Hamburgerin Deer Anna enthält Wald- und Wiesenmusik im besten Sinne - und sanfte Elegien der Verlorenheit.

Von
8. Oktober 2026

Deer Anna: For The Birds (popup records)

Vor einigen Wochen habe ich auf dieser Plattform eine Sammlung von Songs veröffentlicht, die allesamt mit Geflügeltem zu tun haben („Trauervögel im Gleitflug“ – u.a. mit Beiträgen von Death Cab for Cutie, Trashcan Sinatras, Shearwater – und einer Erinnerung an Glen Hansard). Nun ist, wie ein Echo darauf, quasi einen Flügelschlag später, die EP „For The Birds“ der Hamburger Musikerin und Künstlerin Deer Anna erschienen.

Die fünf darauf enthaltenen Stücke sind Wald- und Wiesenmusik im besten & eigentlichen Sinne, da sie zum größten Teil in einem südfranzösischen Dorf zwischen Bergen, Bächen und Wäldern entstanden sind. Auf Streifzügen durch die Natur hat die bisher mit zwei ebenso fein gesponnenen EPs hervorgetretene Musikerin (die mit bürgerlichem Namen Anna Hirschgänger heißt) allerlei Sounds (per Recorder) eingefangen, die sie in die reichlich und doch zugleich zart instrumentierten Songs eingearbeitet hat, sodass neben ihrer Stimme, akustischen Gitarren, Klavieren aus der Grube, Glockenspiel & Banjo Klänge von Vögeln, Fröschen und Grillen ebenso eingeflossen sind wie plätscherndes Wasser.

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Man hat bei diesen Liedern, die jetzt nicht unbedingt von reiner Wonne künden, sondern Zustände wie permanente Überforderung thematisieren (etwa in „Aren’t You Tired“), das Gefühl, als pulsierten und atmeten sie in anderen Kreisläufen als den üblichen. In mehrstimmigen Passagen, wie in „Growing Old“, erinnert das Ganze an die schwedischen Schwestern Söderberg alias First Aid Kit, wobei man auch die US-Sängerin Phoebe Bridgers da und dort als Anklang vernehmen kann.

Hymnische Stimmung von Verlassenheit

Eindrücklichstes Stück ist „Cricket“, das sich behutsam über einem leicht verstimmt klingenden Piano-Arpeggio entfaltet und eine eigentümlich hymnische Stimmung von Verlassenheit evoziert (so wie auch die Chorus-Zeilen: „The birds sound different/ Now the sun is gone/ This place is louder in the dark/ The frogs are restless/ And so am I/ Anxious and sleepless/ For hours I will stare into the dark“), bevor nach rund zwei Dritteln plötzlich Ton und Tonus wechseln – und die sanfte Elegie in ein sich allmählich steigerndes Crescendo aus überlagerten Stimmfetzen, wildem Gebläse und verzerrten E-Gitarrensounds kippt, was – laut Pressetext – an die klagenden Schreie nachtaktiver Tiere erinnern (soll). Ganz so schlimm ist es dann doch nicht, denn hier bleibt auch in den freieren Passagen alles stets in einem harmonisch gerundeten (Klang-)Kosmos.

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Am Ende, in Track Nr. 5, hübsch betitelt als „Frogs In Our Livingroom“, schweigen die Stimmen (auch jene der Frösche) – und das gesamte bisher aktiv gewordene Instrumentarium erwacht zu einem fidelen Eigenleben, pfeift, klimpert, klampft und trötet in ruhiger Gelassenheit vor sich hin – und bekommt in manchen verdichteten Passagen sogar Ähnlichkeit mit dem Werk der kanadischen Formation The Weather Station. Und eine bessere Referenz wird man bei bukolisch-naturwüchsigem Folk international nicht namhaft machen können.

Deer Anna: For The Birds (popup records)

Man hat bei diesen Liedern, die nicht unbedingt von reiner Wonne künden, sondern Zustände wie permanente Überforderung thematisieren, das Gefühl, als pulsierten sie in anderen Kreisläufen als den üblichen.