Graziles Ballett der Maschinen
Der ESC gefällt sich in technologischer Überinszenierung – und verliert an musikalischer Substanz: Versuch einer Bilanz aus Live-Eindrücken und medialen Beobachtungen.

Eine Woche lang stand Wien unter Dauerbeschuss mit Logos, Plakaten & Berichten. (c) Schmickl
Ist über den ESC wirklich schon alles gesagt & geschrieben? Ja, aber vermutlich noch nicht von allen. Nur mit dieser – zugegeben abgegriffenen – Pointe ist (m)eine weitere Stellungnahme wohl halbwegs zu rechtfertigen. Denn der Totalität dieses Ereignisses, dem man heuer und speziell hierorts kaum entfliehen konnte (dabei wäre mit ESCape ein passender Slogan dafür rasch zur Hand gewesen), wäre mit Ignoranz, Taubstellen und Totschweigen wahrscheinlich adäquater zu begegnen – zumal auf einer Plattform wie dieser.
Trotzdem möchte ich versuchen, dem von allen Seiten grell beleuchteten Spektakel, das das Potential jeglichen Zugangs – von Ablehnung über Begeisterung, nerdhafte Statistikerei bis hin zur Satire – voll ausgeschöpft zu haben scheint, noch ein paar zusätzliche Perspektiven abzugewinnen. Dazu gehört die Frage, ob sich der Wettbewerb live anders ausnimmt und erleben lässt als in seiner multimedialen Widerspiegelung. Weiters, ob musikalische Acts dabei sind/waren, die eine eingehendere Beschäftigung wert sind. Und schließlich noch eine kurios-sentimentale Beobachtung aus dem medialen (Um-)Feld.
Beginnen wir also bei den livehaftigen Eindrücken, die in meinem Fall von der Generalprobe der Schlussshow stammen, die 1:1 mit der Gesamtinszenierung des Finales übereinstimmte – außer natürlich dem Voting, das heuer so spannend verlief wie schon lange nicht mehr, und das mit der Überraschungssiegerin Dara aus Bulgarien allen Buchmachern und Quotenpropheten eine erfreulich lange Nase drehte – Bangaranga!! (Und dem Rest der Welt eine anstrengende Debatte ersparte, die zweifellos gekommen wäre, hätte Israel gewonnen.)
Martialischer Material-Aufwand
Wenn man also in die (Stadt)Halle hineinkommt – nach all den aufwändigen Security-Checks (aber ok, muss sein) –, fällt einem natürlich sofort das technologische Großaufgebot auf, das hier in Stellung gebracht ist: die Laserkanonen, die Lichtbatterien, die umhersurrenden Kameras, die gebogene LED-Wand (die in realiter weniger beeindruckend wirkt als in der TV-Perspektive). Und auch in der Folge ist man vom – perfekt abgestimmten – Zusammenspiel all dieser Elemente, dem mit großem Aufwand inszenierten, aber doch irgendwie leichtfüßig wirkenden Ballett der Maschinen am allermeisten beeindruckt. Ja, man ist hier wirklich im Maschinenraum eines globalen Großereignisses, dessen präziser Funktionalität man sich nicht entziehen kann.

Im Maschinenraum des ESC: Hier schlägt ein hochtechnologisches Herz (c) Schmickl
Auch die Heerscharen an Helfern, die in Sekundenschnelle die Bühne nach den jeweiligen Auftritten räumen, umbauen und neu formieren (im Hintergrund läuft ein sichtbarer Countdown), sind ein faszinierend eingespielter Gesamtkorpus. Aber man sieht schon: Kanonen, Batterien, Heerscharen – man kommt bei der Beschreibung all dieses (Material-)Aufwands nicht um martialische Ausdrücke herum, die bzw. deren Substrate diesen – ansonsten zum Glück friedlich verlaufenen – Event überhaupt erst ermöglichen und absichern helfen.
In diesem Zusammenhang ist übrigens schon auffällig, dass bei den Shows von Ländern wie Israel oder der Ukraine auf das ansonsten fast allgegenwärtige Bombardement mit Feuerfontänen, Lichtblitzen und Rauchschwaden verzichtet wird. Die kennen das aus ihren jeweiligen Kriegsgebieten nur allzu gut, d.h. natürlich schlecht, und brauchen es nicht auch noch als künstlich erzeugte Untermalung & Überhitzung.

Die künstliche Himmelfahrt der Delta Goodrem (c) Schmickl
Fast alle anderen setzen auf ein nicht anders als gewaltig zu bezeichnendes Dauerfeuer aus Licht, Ton, Wind und Dampf, womit sie ihre mitunter kargen Inhalte multimedial überwölben. Und das fällt in der Halle vielleicht noch mehr(dimensional) auf, nämlich das Missverhältnis zwischen den kleinen, sich windenden & abstrampelnden Menschlein auf der Bühne – und dem riesenhaften technologischen Drumherum. Selten, dass beides zur Deckung kommt. Wahrscheinlich noch am ehesten bei der Australierin Delta Goodrem, die alles mit ihrer Stimme & Präsenz überstrahlt – und damit buchstäblich zur Decke (hoch)fährt.
Böllernde Clubsounds vs. stimmlicher Präsenz
Aber zugegeben, die böllernden Clubsounds, die zahlreiche Acts zum körpervibrierenden Einsatz bringen, machen live schon was her, bringen in der Halle (deutlich mehr als im Fernsehen) alles in Bewegung, in Schwingung – und die Menschen zum Tanzen (auch ohne diesbezügliche Scheine), wie das etwa die Vertreter eben aus Bulgarien, aber auch Moldawien, Griechenland oder Schweden exemplarisch vorführten. Da haben es Interpreten, die ihre Auftritte ruhiger, dezenter, gedämpfter anlegen, wie etwa der Tscheche Daniel Žižka oder die Luxemburgerin Eva Marija (die sich gleich gar nicht erst fürs Finale qualifizierte), deutlich schwerer, kommen mit ihren reduzierten Mitteln kaum zur Geltung, passen sozusagen nicht (mehr) ins Format.
Damit sind wir bei dem, was gar nicht mehr wirklich im Vordergrund steht, nämlich der Musik.
So gesehen/gehört (was beim ESC heutzutage wirklich schon wie ein Anachronismus anmutet), war der heurige Jahrgang – und da bin ich anderer Meinung als unser „Mr. Songcontest“ Andi Knoll – einer der schwächeren. Die Zeiten, in denen von diesem Wettbewerb Impulse auf die internationale Popmusik ausgingen, sich Trends abzeichneten oder gar noch Weltkarrieren (wie etwa bei Celine Dion oder ABBA) aufbauen ließen, scheinen vorbei zu sein. Mittlerweile köchelt der Contest im eigenen Saft, ist ein weitgehend geschlossenes System aus wechselseitigen Bezügen & Verweisen, aus Wiederholungen & Überhöhungen. (Das konnte man heuer besonders gut konstatieren, als etwa JJ’s letztjährig erfolgreiche Gesangsperformance – mit ihren schrillen Obertönen – gleich mehrfach reanimiert & wiederverwertet wurde, von der Französin Monroe sowieso, aber selbst im völlig anders gearteten Beitrag der Rumänin Alexandra Căpitănescu gab es noch japsende Echos davon.)
Mittlerweile funktioniert das Ganze fast nur noch in die andere Richtung: Also Versatzstücke aus der Popwelt werden in den ESC eingeschleppt, musikalisch zerschnippselt, zerhäckselt und mit den eigenen, systemkonformen Spielarten amalgamiert. So finden sich Spuren, Zitate, Kopien und Parodien gängiger Stile in fast allen Darbietungen, also Elemente von Rap, Rock, Metal, Dance, HipHop, Schlager und vor allem – wie eh schon immer – (Ethno-)Kitsch in allen simplen bis bombastischen Rekombinationen.
Heraus kommen dabei aber selten eigenständige, kreative oder gar innovative musikalische Performances – und auch kaum noch „haltbare“, also den erweiterten Moment überdauernde Stars. (Selbst Conchita hat nur als Figur „überlebt“, nicht als musikalischer Trendsetter; und bei JJ zeigt schon der zweite – im Laufe dieses ESC vorgestellte & live präsentierte – Song, dass er es nur auf eine, jetzt schon selbstparodistische Weise kann: schrill, dramatisch & hoch.)
Hörproben unterm Pop-Radar
Ich finde ja, dass ausgerechnet 2020 – als der Wettbewerb aus pandemischen Gründen bekanntlich nicht stattfinden konnte – der letzte musikalisch halbwegs auffällige Jahrgang am Start gewesen wäre (u.a. mit den hinreißend lakonischen Isländern Daði Freyr und ihrem Song „Think About Things“, der dann leider unbelohnt bleiben musste; aber auch Bulgarien hätte mit Victorias „Tears Getting Sober“ damals einen feinen, freilich deutlich zarteren Beitrag als heuer dabei gehabt). Aber auch ein Kracher wie Nemos Siegersong „The Code“ von 2024 oder ein zumindest lange im Gedächtnis und Ohr bleibender Ulk-Song wie „Espresso Macchiato“ des Esten Tommy Cash aus dem Vorjahr war heuer nicht dabei.
Hätte man die 35 Teilnehmer vorweg rein als Tonspur unters Pop-Radar gelegt, wären bei mir – wenn überhaupt – allenfalls die skandinavischen Beiträge hängengeblieben, vorweg „Før Vi Går Hjem“ („Before We Go“) des Dänen Søren Torpegaard Lund (womit er schließlich 7. wurde ), ein in sich stimmiger, zwar nicht sonderlich kreativer, aber immerhin mit eingängigen Refrains und vertretbar böllernder Rhythmik versehener Popsong – und natürlich „Ya Ya Ya“ des Norwegers Jonas Lovv (14. Gesamtrang): In diesem Rocksong ist zwar alles zusammengestohlen – von den Gitarrenriffs der White Stripes über den röhrenden Gesang von Måneskin bis hin zum (freilich nicht hörbaren) Freddie-Mercury-Schnauzer –, aber er funktioniert immerhin, fährt ordentlich ab & ein.
Vielleicht hätte ich dem souligen Gitarrenpop der Schweizerin Veronica Fusaro noch eine zweite (Hör-)Chance gegeben (mit dem sie sich dann freilich nicht einmal fürs Finale qualifizieren konnte) – und um Cosmós „Tanzschein“ ist man hierzulande sowieso nicht herumgekommen. Und das ist okay so – der Song ist witzig, kurios & zackig, und wäre wohl auch ohne ESC-Teilnahme im Reigen heimischer Singles aufgefallen und hängengeblieben. Dass er eine lokale Größe bleiben würde und es ohne Fixstarter-Ticket nicht ins Finale geschafft hätte, war zu erwarten (und ist nun irgendwie auch egal).
Das war’s aber auch schon mit jenen Songs, die es vorübergehend auf eine meiner Playlists geschafft hätten. Bei anderen (Hörern) mögen das andere (Songs) sein – aber es bleibt zu vermuten, dass der musikalische Output über das Ereignis hinaus überschau- und vor allem im doppelten Wortsinn überhörbar bleibt.
Nostalgischer Rückgriff mit Doppelgänger
Wenn schon die ESC-Gegenwart pop-akustisch dünn ausfällt, muss – wie so oft – ein Rückgriff auf die Vergangenheit aushelfen. Und damit zum Schluss zum ORF (der die Übertragungen und das Rahmenprogramm gut gemeistert hat, wie ich finde): In der zu Beginn der Woche ausgestrahlten Show „70 Jahre ESC – Das Konzert“, bei der das Radio Symphonie Orchester (unter Christian Kolonovits) Songs aus der Geschiche des Song Contests spielte, trat u.a. auch Johnny Logan auf. Obwohl ich das irische ESC-Urgestein (er hat den Wettbewerb bekanntlich dreimal gewonnen) schon lange nicht mehr gesehen (& gehört) habe, kam mir der mit überdimensioniertem Sakko ausstaffierte Sänger irgendwie bekannt vor. Und plötzlich fiel es mir ein & auf: Er ähnelt – in Aussehen, Auftreten & dem etwas übergeschmeidigen Charme – frappant dem Schlagersänger Richie Bravo, der fiktiven Hauptfigur aus Ulrich Seidls Film „Rimini“ (2022), dargestellt von Michael Thomas!

Johnny Logan in der ORF-Show „70 Jahre ESC – Das Konzert“ (c) ORF

Michael Thomas als Schlagersänger Richie Bravo in Ulrich Seidls Film „Rimini“
Im Gegensatz zu dem abgehalfterten (und etwas feisteren) Barden, der im winterlich-tristen Badeort einstige, vorwiegend weibliche Fans auf jede nur erdenkliche Weise beglückt, ist der leibhaftige Johnny Logan zumindest stimmlich noch voll auf der Höhe. Seine beiden Siegertitel, „What’s Another Year“ (1980) und „Hold Me Now“ (1987), sang er bei der Nostalgie-Show jedenfalls derart zart, inbrünstig & einfühlsam, dass ich diesen Vortrag wohl als einzigen aus der gesamten ESC-Woche noch lange in Gedächtnis, Herz und Ohr behalten werde.

Eine Woche lang stand Wien unter Dauerbeschuss mit Logos, Plakaten & Berichten. (c) Schmickl
Kommt man in die Stadthalle hinein, fällt einem natürlich sofort das technologische Großaufgebot auf, das hier in Stellung gebracht ist: die Laserkanonen, die Lichtbatterien, die umhersurrenden Kameras ...



