Heimische Halbjahresproduktion, Teil II
Diesmal: Full-Length-Debüt von Cordoba78, Neues & Ergänzendes von Jo The Man the Music, Wiederhören mit Zeronic und den Low Life Rich Kids, charmantes Duett von Yasmo & 5/8erl in Ehren, Aufregender Electro-Pop von ora et labora u.v.a. Playlist!

Abräumer dieses Sommers: Das Gsiberger Quintett Cordoba78 (© Xenia Snapiro)
Liegt’s am Namen? Und weil heuer Fußball-WM war und Österreich das erste Mal seit Menschengedenken wieder mitmachen durfte?
Im Mai 2024 sind Cordoba78 hier in der allerersten Ösi-Rundschau das erste Mal öffentlich vorgestellt worden. Bereits im November desselben Jahres erwies sich ein Feature zu ihrer zweiten EP („Anfang – Mitte – Zwanzig“) als Volltreffer, sprich: eine der allzeit beliebtesten Stories unseres Portals.
Heuer sind Cordoba78 als Headliner des Popfests aufgetreten. In einer Presseaussendung des WUK, wo sie am 25.11. gastieren, werden sie als „spannendste Newcomer-Band, die Österreich derzeit zu bieten hat“, komplimentiert.
Spätestens seit ihrem im Sommer erschienenen Full-Length-Debüt „Afterhour Kaltenbrunnen“, das einen Top-Ten-Platz in den hiesigen LP-Charts erreichte, sind Cordoba78 weltberühmt in Österreich. Der Schritt in die großen Stadien ist nur mehr eine Frage der Zeit.
Dort passt die Musik der fünf Vorarlberger notabene auch definitiv gut hin. Wer allerdings mit der „Coolness“ oder sogar demonstrativ gelangweilten Attitüde sozialisiert worden ist, die in der Indie-, Electro- und Hyper-Pop-Klientel nicht ungern zur Schau gestellt wird, könnte seine Anpassungsschwierigkeiten haben.
Vielleicht funktioniert das Ganze ja auch genau als Kontrastprogramm zum Vertrauten/Gewohnten. Jedenfalls ist hier alles ausgestellt, was der „gute Geschmack“ verboten hat: Der Sound ist saufett, der Gesang ist klassische Rock-Röhre und überschlägt sich vor heiserer Intensität; die Texte zelebrieren, wenn auch nicht gänzlich ohne ironische Brechung, die großen Gefühle und bisweilen auch großen Themen.
Auf „Afterhour Kaltenbrunnen“ (Tautorat Tonträger) tun sie das mit besonderer Inbrunst.
Die Funk-Einflüsse, die Cordoba78 in Symbiose mit den deutschen Texten Distinktion verliehen haben, sind auch hier präsent. Weil sich ihr Bezugsrahmen einigermaßen signifikant ausgedehnt hat, fallen sie indes nicht mehr so drastisch auf. Süffiger Rock wie in „Narzissen“, Soul-Balladen, groß orchestriertes Pathos und eine latente Unterströmung durch Blues zeugen von einem Gewinn an stilistischer Reichweite wie auch Souveränität. Wie übrigens auch die Texte ihre großen Momente haben: „Mutter Erde brennt / uns’re Herzen bleiben kalt / und wir spucken in die Asche“.
Sommergefühle & Flixbus (passt ja irgendwie zusammen)
So wie Cordoba78 ist auch Jo The Man The Music in diesem Portal schon gewürdigt worden.
Von ihrer mittlerweile mit vielen Lorbeeren bekränzten EP „Soft Skin“ ist bei Ink Music mittlerweile eine Deluxe-Version mit 6 Bonus-Tracks erschienen. Dabei handelt es sich hauptsächlich um Live-Versionen beliebter Songs wie „Skinny Dipping“ oder „Shoulders“.
Zwei Songs sind aber neu: Jos sehr hübsche, von einer flotten Gitarre getriebene Sommer-Single „To Be Sexy“ und die schon etwas ältere, aber hier erstmals im Kontext eines größeren Formats veröffentlichte sanfte Ballade „In My Head“.
Tino Schulter ist ein interessanter Newcomer in der Wiener Musikszene. Nun ja, „Newcomer“ mag sich bei einem Mann von 63 Jahren Lebensweisheit seltsam anhören. Aber als (mehr oder weniger) klassischer Singer/Songwriter ist Schulter, der sich u.a. als Werbetexter, Kreativdirektor, Drehbuch- und Hörspielautor verdingt hat, bisher noch nicht vorstellig geworden.
Dass er in der Kunst des Songschreibens, Textens, Singens und Gitarrespielens kein Laie ist, beweist Schulters Single „Flixbus zur Hölle“ (Studio 77), ein Vorbote zu seiner in Kürze erscheinenden EP „Achtung“: Eine surreale Rachephantasie gegen alles, was auf der Welt böse ist – inklusive der eigenen hasserfüllten Psyche -, angelegt als Hybrid zwischen Chanson und Rock-Ballade.
Ein Jahr nach ihrem Senkrechtstart lassen die Low Life Rich Kids mit der Single „Bon Temps“ (Las Vegas Records) wieder von sich hören: durchaus mainstreamiger Synthi-Rock, in dem aber auch Sehnsucht und die Melancholie um einen vergangenen Sommer mitschwingen.
Und noch einmal Sommer-Assoziationen: Der schöne Name Strand ohne Palme schmückt eine fünfköpfige Wiener Newcomer-Band, deren LP-Debüt Mitte Oktober durchaus gehobene Erwartungen rechtfertigt. Auch der Titel ihrer neuen Single, „Algensalat“ (Strand ohne Label, unten in der Aufzeichnung eines Auftritts bei der Planet Festival Tour gleich als erster Song), schafft verbatim schnell die Kurve zu Assoziationen zu Badegewässern und Urlaub.
Allerdings geht es darum, wie eine Eigenheim-Idylle durch eine seltsame Invasion jäh und harsch gestört wird und offensichtlich tiefste Verwirrung hervorruft: „Ich weiß nicht mehr ist heute gestern oder morgen“, skandiert Sängerin Anna Kapitany in alarmierter Aufregung zu aufgekratzten Gitarren.
Art-Rock aus Salzburg
Anspruchsvollen, vielseitigen Art-Pop/-Rock – bei so was denkt man schnell einmal an Alt-J – macht der Salzburger Ro Bergman (bürgerlich: Roland Reinmüller). Nach ein paar EPs mit sehr ansprechenden Stream-Zahlen hat Bergman kürzlich seine erste LP „Saum“ (Bergman Music) herausgebracht.
Der deutsche Titel ist, was die Sprache des prägnanten, ganz leicht zum Granteln neigenden Gesangs angeht, irreführend – die Texte, bei deren zwei Bergman Unterstützung durch den halb in Wien lebhaften amerikanischen Singer-Songwriter Ian Fisher erhalten hat, werden ausschließlich englisch intoniert.
Gleichwohl funktioniert er (der Titel) als inhaltlicher Fingerzeig, denn die Grenzbereiche zwischen Stillstand und Aufbruch, zwischen Festhalten und Loslassen bilden den thematischen Fokus der zumeist balladesk angelegten Musik, der ein paar flottere Stücke wie „First Cut City Love“, „Play“ oder „Skin“ gut tun.
Eine sehr charmante Paarung geben die Rapperin und Poetin Yasmo und 5/8erl in Ehr’n ab: „Treff ma uns“ (Viennese Souldfood Records) ist die Devise. Ein Symbiose aus 5/8erl-Soul, kräftigem Pop und Yasmos gewohnt akkuraten Reimen: „Wir haben die Risse erblickt / gemeinsam sind wir der Kitt“.
Den Titel „Modernism“ (Commitment) trägt das demnächst erscheinende neue Album der Alt-Rock-Veteranen Zeronic – ihr fünftes und erstes seit 14 Jahren -, „Old Ways“ heißt demgegenüber ihre neue Single: In vertraut dynamischem Gitarren-Rock-Arrangment wird räsoniert, wie einen alte Gewohnheiten immer wieder einholen.
Hinter ora et labora verbirgt sich die Wiener Sängerin, Songschreiberin und Keyboarderin Leonie Tabea Kudler. Wie schon ihre Single „Kraftwerk“ vorführte, liegt ihre Spielwiese im elektronischen Bereich. „Benzin“ (Numavi Records), ihre eindrucksvolle neue Single, die inhaltlich wohl ein Stadium zwischen Ruhe vor dem Sturm und Warten auf den Zündfunken, den Impuls zur Explosion thematisiert, ist indes etwas vertrackter: Ein irgendwie lakonisch anmutendes Bassmotiv wird umspielt von Effekten und tollen burlesken Spielereien, denen ein eleganter Refrain entschwebt.
ora et labora abendfüllend in Form eines Albums soll’s im Frühjahr 2027 geben.

Abräumer dieses Sommers: Das Gsiberger Quintett Cordoba78 (© Xenia Snapiro)
Vielleicht funktionieren Cordoba78 ja genau als Kontrastprogramm zum Vertrauten/Gewohnten: Hier ist alles ausgestellt, was der „gute Geschmack“ verboten hat.



