Kalifornische Verwandlung
Unter dem Namen JJerome87 veröffentlicht Alt-J-Sänger Joe Newman sein erstes Soloalbum – und überrascht auf „The Canyon“ mit einem nicht nur stimmlichen Klangreichtum, der von Motown-Soul über Blues bis Gospel reicht.

JJerome87: The Canyon (Mushroom / Virgin)
Als Liebhaber – und zeitweiliger Sammler – von sogenannten Zufallsgeschichten, also dem, was der Psychoanalytiker C.G. Jung & der Physiker Wolfgang Pauli „Synchronizitäten“ nannten, damit einen irgendwie sinnhaften, aber nebulosen Zusammenhang von Ereignissen herstellend, musste mir diese Koinzidenz naturgemäß gefallen. Es war die auf Österreich 1 laufende Sachbuchsendung „Kontext“ (vom 17. Juli), in der ein Band über den Spanischen Bürgerkrieg vorgestellt wurde. Und dabei wurde auch auf den in eben diesem Bürgerkrieg tätigen Fotografen Robert Capa (1913-1954) hingewiesen, und auf dessen große Liebe Gerda Taro (1910-1937), ebenfalls Kriegsfotografin (und ebenso wie Capa in Ausübung ihrer Profession verunglückt).
Wenn ich „Taro“ höre, fällt mir sogleich der gleichnamige Song der britischen Band Alt-J ein – einer ihrer großen Momente (aus dem Jahr 2012), der genau von diesen beiden Fotoreportern (und ihren Einsätzen in Spanien & Indochina) handelt. Ich hatte ihn also – und somit die Stimme von Alt-J-Sänger Joe Newman – höchst präsent im (Innen-)Ohr. Und war daher baff erstaunt, als rund 20 Minuten später, ohne jeglichen Zusammenhang zu dem Buchbeitrag zuvor, das neue Album besagten Sängers in Auszügen präsentiert wurde!
Er nennt sich auf „The Canyon“, seinem ersten Soloalbum, freilich JJerome87 (was auf seinen Zweitnamen & seine einstige Mailadresse zurückgeht). Und auch wenn das Genre, in dem Newman/JJerome87 nunmehr brilliert, ein grundsätzlich anderes ist, als er es mit seinen beiden Alt-J-Kompagnons (Gus Unger-Hamilton & Thom Sonny Green) auf bisher vier Alben erfolgreich praktizierte (Mercury-Preis 2012), einem sehr kunstvollen alternativen Indie-Pop, so ist seine Stimme eben doch sofort in ihrer Eingängigkeit & Eindringlichkeit klar erkennbar. Entstanden ist das Album in Los Angeles, gemeinsam mit Produzent Carlos De La Garza (u. a. Paramore, Bad Religion). Neben Session-Musikern waren auch Backgroundsängerinnen beteiligt, die der Musik „einen unverkennbar kalifornischen Sound mit der Energie von Motown, Blues und Gospel” verleihen, wie der Pressetext verkündet.
Zögerliche Veröffentlichung
„,The Canyon’ ist mein nächster kreativer Sprung nach vorne. Dieses Album verkörpert die Veränderungen in meinem Leben: Ich bin Vater geworden, arbeite außerhalb von Alt-J, habe einen neuen Produzenten, lebe in LA und bin Teil einer Welt voller fantastischer Session-Musiker”, schreibt Newman in einem Instagram-Post.
Umso erstaunlicher, dass der nicht mit übertriebenem Selbstbewusstsein ausgestattete Sänger und Gitarrist mit dieser Platte erst jetzt herauskommt, zumindest in einer breiteren Öffentlichkeit. „The Canyon“ war nämlich bereits im Herbst vergangenen Jahres fertiggestellt – bisher aber nur über die Website des Künstlers verfügbar. Erst jetzt, im Verbund mit Mushroom Music/Virgin, erfährt dieser tolle Songreigen seine mehr als verdiente globale Verbreitung.
In einem Interview mit dem Online-Magazin „Qobuz“ begründet Newman seine Zurückhaltung: „Ich fühle mich auf der Bühne immer noch nicht ganz wohl; ich finde es immer noch schwierig. Aber ich blicke zurück und respektiere das, was wir als Band geleistet haben. Jetzt, als Solokünstler, muss ich das alles noch einmal machen. Ich muss ins kalte Wasser springen, friss oder stirb, und herausfinden, wie es funktioniert. Es ist einschüchternd, denn ich bin jetzt Ende dreißig und alles fühlt sich wieder neu an.“ Und über den musikalischen Wechsel sagt er: „Ich habe 15 Jahre gebraucht, um zu begreifen, dass meine stimmliche Komfortzone eigentlich eher in der afroamerikanischen Soul-Musik verwurzelt ist, (…) rein biologisch fühlt sich mein Gesang in dieser Welt natürlicher an als in der Indie-Musik.“
Tüftler & pedantischer Soundbastler

An Englishman in L.A.: Joe Newman alias JJerome87 kniet sich tief in US-musikalischen Traditionen hinein (c) Mushroom Music
Es ist auch eine persönliche Rückkehr, da Newman schon als Kind viele Soul-Platten gehört hat, die sein Vater sammelte. Und ja, es stimmt, das Genre steht ihm ausgezeichnet – wobei das besondere & ausdrucksstarke Timbre seiner Stimme vermutlich auch jedem „Landler“ eine spezielle Note verleihen würde. Seiner Selbsteinschätzung – „Es fühlt sich an, als hätte ich eine neue Stimme, und als Resultat daraus fühle ich mich wie ein neuer Künstler“ – kann man indes nicht wirklich zustimmen. Zum Glück, denn „Canyon“ ist auch für eingefleischte Alt-J-Fans ein absoluter Gewinn (denn man weiß ja nicht genau, wie es mit dieser Band weitergeht: Ihr letztes Album, „The Dream“, ist bereits 2022 erschienen, und ihre letzten Live-Auftritte erfolgten im Jahr darauf).
Immerhin steht bei allen elf Songs von „The Canyon“ jeweils „(feat. Alt-J)“ dabei, auch wenn das wohl nur auf Newman selbst zutrifft – und ein „Lockangebot“ für die weltweite Alt-J-Fangemeinde sein dürfte.
Da der Entstehungsprozess der Platte zwei Jahre gedauert hat (von 2022 bis 24) und JJerome87 ein Tüftler & pedantischer Soundbastler ist, verströmen alle Songs ein ausgereiftes, klangexquisites Aroma, und es fällt auch keiner wirklich ab. Schon der Einstieg mit „Mr. Alligator“ ist ein buchstäblich starkes Stück. Es ist ein breit ausgewalzter, mit allerlei fetten Sounds versehener Song, der – laut Newman – in einen „L.A. Noir / Raymond Chandler / Jazz-Vibe der 1930er Jahre“ abdriftet. Und ein besonderes Kuriosum am Rand gibt es auch noch: „Wir hatten ein Team von Seilspringern aus L.A., die während des gesamten Tracks Seil gesprungen sind, und das haben wir aufgenommen.“
Stelldichein mit Morricone
Bereits Nr. 2, „Green Velvet“, erinnert mit dem anfänglichen shout-artigen Gesang schon mehr an Alt-J-Gepflogenheiten, auch wenn sich der Song in der Folge in einen herrlich tiefen Soulgroove eingräbt. Im perfekten vokalen Zusammenspiel mit den drei Backgroundsängerinnen ergeben sich hier wirklich neue kollektive Klangfarben & -nuancen von Newmans Stimme.
„Juicy“ (Nr. 5) beginnt als Spagetti-Western, als hätte Newman mit Ennio Morricone ein Stelldichein vereinbart, driftet aber ebenfalls in ruhige, mississippi-tiefe Blues-Gewässer ab. Pferdegetrappel wiederum begleitet „Walkaway Music“, das in einen großen Unisono-Refrain mündet. Die dramaturgische Raffinesse all dieser Songs ist wirklich erstaunlich – und vor allem darin zeigt sich die Verbindung & Parallele zu Alt-J, denen das Verdikt, eine besonders arty Indieband zu sein, ja nicht von ungefähr zugesprochen wurde.
Um Pferde geht es naturgemäß auch in „Brush Me Like A Horse“, einem der zentralen – und auch vorweg ausgekoppelten & veröffentlichten – Songs, der von einem Mann handelt, der sich langsam in ein Pferd verwandelt. Das Motiv für diese laut Newman eher märchenhafte als kafkaeske Verwandlung liegt in einer privaten Beobachtung: „Durch diese Verwandlung vergisst die Welt um ihn herum, wer er ist, und die Menschen beginnen, ihn mehr und mehr wie ein Pferd zu behandeln. Dieser Song wurde teilweise von etwas inspiriert, das ich bei einem Freund beobachtet habe. Er hat sich nicht in ein Pferd verwandelt, aber sein Ruf hat eine Verwandlung durchgemacht.”
Alleine die Zeilen „Brush me down like a horse, baby / Whispering ,I’ll be Montana, you’ll be Idaho’“ markieren lautmalerisch, in welcher Gegend diese seltsame Geschichte zu verorten ist.
Majestätische Grandezza
„Two Hearts“, von Babygeräuschen durchdrungen, ist eine wunderschöne Ballade, und „Track and Field“, die zweite Single des Albums, beginnt ganz vorsichtig, fast geflüstert, bevor sie sich zu einem großen, gleich mit mehreren eingängigen Refrains versehenen Popsong auffächert. Auch den letzten beiden Tracks („Last Man Alive“ & „Pennine“) fehlt es, obleich zurückhaltender angelegt, nicht an majestätischer Grandezza, die dieses Album auf zauberhafte Weise durchzieht.
Schöneres wird man in diesem Jahr so bald nicht mehr hören.

JJerome87: The Canyon (Mushroom / Virgin)
Da der Entstehungs- prozess der Platte zwei Jahre gedauert hat und JJerome87 ein Tüftler & pedantischer Soundbastler ist, verströmen alle Songs ein ausgereiftes, klangexquisites Aroma, und es fällt auch keiner wirklich ab.



