Symphonieorchester im Schlafzimmer
Bestens zusammengeleimt und musikalisch gewichtig: Das kanadische Kollektiv Broken Social Scene zieht auf „Remember The Humans“ eine vielgestaltige Lebensbilanz.

Broken Social Scene: Remember The Humans (City Slang)
Vom ESC zu BSS – was wie ein buchstäblicher Katzensprung wirkt, ist in Wirklichkeit ein weiter Weg, nicht nur im geografischen Sinn. Der Eurovision Song Contest und Broken Social Scene, das kanadische Kollektiv, unterscheiden sich voneinander wie Tag und Nacht. Was man beim einen, dem ESC, immer öfter schmerzlich vermisst (siehe auch „Graziles Ballett der Maschinen“), nämlich genuine Musik, das bzw. die findet man bei den anderen, BSS, in schierer Überfülle. So stecken in einem einzigen Song der personell weitgehend frei flottierenden „Supergroup“ aus Toronto zumeist mehr Ideen als im gesamten europäischen Wettbewerb (mit seinen Ausläufern bis nach Israel und Australien). Damit soll es aber auch schon genug sein mit dem ungleichen Vergleich (wobei einem schon noch ein paar weitere gravierende Unterschiede einfielen…)
Filigrane Collagetechnik
„Remember The Humans“ heißt das neue, insgesamt sechste Album der seit nahezu 30 Jahren bestehenden Broken Social Scene, einem losen Musikerverbund, der sich alle heiligen Zeiten zusammenfindet, um ein Schippel an Songs nicht nur einzuspielen, sondern auch aus allerlei Zutaten zusammenzusetzen. Aber oh Wunder, bei dieser filigranen Collagetechnik kommen stets definierbare Songgebilde heraus, die sich – nach rein instrumentalen Post-Rock-Anfängen – immer mehr zu einem (viel)stimmigen Indie-Rock-Pop-Folk-Gemisch mit experimentellen Anklängen veredelt haben. Dass sich BSS-Songs in ihrer Mischung aus Materialfülle und Intimität anfühlen wie „a symphony orchestra in your bedroom“, hat das Online-Magazin „Paste“ höchst treffend angemerkt. Das ist auch nun, nach knapp neun Jahren, seit dem letzten Album „Hug Of Thunder“ (2017), wieder so.
Gleich beim ersten der zwölf Stücke, „Not Around Anymore“, hat man zu Beginn den Eindruck, dass da zwei oder noch mehr Songs gleichzeitig ablaufen (und man schaut instinktiv am entsprechenden Abspielgerät, ob nicht versehentlich mehrere Tonspuren aktiviert wurden), bevor sich aus dem kollektiven Geschnatter von allerlei Blasinstrumenten (Flügelhorn, Flöte, Posaune) mittels Gesang – von BSC-Mastermind Kevin Drew – und anderer Instrumente (Gitarren und Saxophon) eine eigenständige musikalische Linie entwickelt.
Leslie Feist über Lebenszusammenhänge & Tod
Es sind vor allem besagter Kevin Drew, der seit Anbeginn alle BSS-Projekte nicht nur initiiert, sondern auch aktiv begleitet & bestimmt (hat), und der nun (nach zweimaligem Einsatz, 2002 & 2005) wieder reaktivierte Produzent David Newfeld, die gemeinsam aus diesen Klangpuzzles – die von zehn und noch mehr Musikern erzeugt werden – erkennbare Soundbilder erstellen. Damit das aber zu keiner abstrakten, seelenlosen Einlegearbeit verkommt, braucht es inspirierende und stimulierende Ideen & Stimmen. Und beides steuern vor allem Sängerinnen bei, die für kräftige Klangfarben in diesen verschwimmenden Aquarellen sorgen.
Die bekannteste – als regelmäßiger BSS-Gast – ist Leslie Feist, die auf „Remember The Humans“ zwar erst spät, aber dafür umso eindrücklicher ihren großen Auftritt hat: „What Happens Now“, Track Nr. 11, ist ein fünfeinhalb Minuten langer, tatsächlich aber jegliche Zeit überstrahlender Resümmee-Song, voller Rückblicke & Vorausschauen – „I’m becoming what I gave away”, heißt es darin – und weiter: „I just died and I’m still in love with life/ All our lives spent together.”

Fließende Übergänge, verschwommene Aquarelle: die sozial-musikalische Kunst-Handschrift der Broken Social Scene. (c) BSS / Kevin Drew & Jordan Allen
Dieser alles überspannende Lebenszusammenhang, aber auch der Tod, sind rote Fäden und immer wiederkehrende Knoten in diesem vielfältigen und stoffreichen Gewebe. Es sind typische Midlife-(Crises)-Themen, die in unterschiedlichen Zugängen behandelt werden – und die BSS-Multiinstrumentalist und -Mitbegründer Charles Spearin konzise so zusammenfasst: „We’ve had success, we’ve lost friends, we’ve lost parents, we’re at this ,what happens next?‘ stage in life.“
Sozialer Zusammenhalt & federleichte Stimmen
Kevin Drew und David Newfeld haben während der Aufnahmen zur aktuellen Platte ihre Mütter verloren – und beide unisono betont, wie wichtig für sie in dieser Zeit ihr persönlicher Zusammenhalt war, und auch jener innerhalb der musikalischen Großgruppe, die mit ihrer Verbundenheit ja auch ein demonstratives soziales Zeichen setzt: Da ist – ganz im Gegensatz zum Bandnamen – nichts zerbrochen, und auch der Albumtitel ist programmatisch: Remember The Humans!
Den zweiten großen Pop-Moment nach, nein, noch vor Leslie Feist – nämlich bereits mit der zweiten Nummer – liefert der stimmliche Neuzugang Hannah Georgas: „Only the Good I Keep” ist ein warmherziger, alle beteiligten Musiker in die harmonische Pflicht nehmender & einnehmender Song.
Auch Rückkehrerin Ariel Engle (aufgrund ihrer federleichten Stimme ist man geneigt, ihren Namen ein wenig anders zu schreiben) kommt auf dem 6-Minüter „The Briefest Kiss“ nach rund zweiminütigem Sax(sic!)-Vorspiel zu einem wunderschön dahinmäandernden Refrain, der auch Prince gefallen hätte.
Und Lisa Lobsinger (ein weiterer höchst treffender Name!), zwischen 2005 und 2011 gewissermaßen Hauptsängerin der „Band“, leiht ihre Stimme dem Song „Relief“ , über dessen Entstehung auf der bandeigenen Homepage zu lesen ist: „… a song that came to her in meditation as a vivid memory of a BSS track that no one had ever written, an impossible recollection that the band then made real.“
So geschehen in diesem sowieso dem generell Zauberhaften zuneigenden Projekt also auch noch Zeichen und Wunder, sodass sogar eingebildete Songs zu einer realen Erscheinungsform finden.
Keineswegs eingebildet und somit ebenfalls höchst real ist der von allen genannten Sängerinnen (und noch einigen männlichen Unterstützern mehr) gemeinsam angestimmte Choral in „Hey Amanda“, der – nach „Not Around Anymore“ – zweiten vorab ausgekoppelten Single des Albums, auf dem sich – das sei nicht verschwiegen – auch ein paar langweilige, ausgefranste, leicht nervende Stücke befinden. Trotzdem bringt „Remember The Humans“ insgesamt ein gehöriges musikalisches Gewicht auf die (Pop-)Waage – und schlägt damit die wesentlich mehr globale Aufmerksamkeit generierenden kanadischen BSS-Dauerkonkurrenten Arcade Fire, die sich zuletzt hauptsächlich als skandalträchtig und (zumindest auf dem Album „Pink Elephant“) als musikalisch leichtgewichtig erwiesen haben, locker aus dem Feld.

Broken Social Scene: Remember The Humans (City Slang)
Bei der filigranen Collagetechnik von BSS kommen stets definierbare Songgebilde heraus, die sich – nach rein instrumentalen Post-Rock-Anfängen – immer mehr zu einem (viel)stimmigen Indie-Rock-Pop-Folk-Gemisch mit experimentellen Anklängen veredelt haben.



